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Wagner, Mallwitz, Mäkelä und Concertgebouw bei den Osterfestspielen Baden-Baden

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Berichte

Exzeptionelle Aufführungen und Mutlosigkeit

Wagner, Mallwitz, Mäkelä und Concertgebouw bei den Osterfestspielen Baden-Baden

Von Georg Rudiger

Schwebende Streicherklänge in den achtfach geteilten Violinen – dann knallt etwas auf den Boden. Das ätherische Vorspiel zu Richard Wagners „Lohengrin“ beginnt im Festspielhaus Baden-Baden mit einer Störung. Es sollte aber die einzige bleiben bei diesen Osterfestspielen, die sich nach dem Weggang der Berliner Philharmoniker nach Salzburg neu aufstellen mussten. Die „Lohengrin“-Premiere hielt gleich zwei Besonderheiten bereit: Joana Mallwitz erstmals in Baden-Baden und das Mahler Chamber Orchestra zum ersten Mal mit einer Wag­ner-Oper.

Das auf die doppelte Größe angewachsene, selbstverwaltete Projektorchester braucht im Graben ein wenig Zeit, um sich zu orientieren. Einige Bläsereinsätze sind nicht perfekt zusammen, der Verschmelzungsgrad der Musik hat noch Luft nach oben. Joana Mallwitz lässt sich in diesem „Lohengrin“ viel Zeit für die großen Melodiebögen.

Richard Wagner, „Lohengrin“ in der Inszenierung von Johannes Erath bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit Rachel Willis-Sorensen (Elsa), Piotr Beczala (Lohengrin), Tanja Ariane Baumgartner (Ortrud) und Chor. Foto: Martin Sigmund

Richard Wagner, „Lohengrin“ in der Inszenierung von Johannes Erath bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit Rachel Willis-Sorensen (Elsa), Piotr Beczala (Lohengrin), Tanja Ariane Baumgartner (Ortrud) und Chor. Foto: Martin Sigmund

Chor und Orchester nimmt sie immer wieder ins Pianissimo zurück. Transparenz und atmosphärische Dichte kennzeichnen ihre Interpretation. Kontrastreich gelingt die Differenzierung zwischen hellen und dunklen Farben. Das Mahler Chamber Orchestra entwickelt an diesem viereinhalbstündigen, mit stehenden Ovationen gefeierten Abend mehr und mehr Sugges­tionskraft und glänzt mit Homogenität in den Streichern und edlen Holzbläsersoli. Auch bei den Konzerten mit Hélène Grimaud (Klavierkonzerte von Robert Schumann und Brahms’ 1.) und Brittens „War Requiem“ zeigt es außergewöhnliche Qualitäten.

Johannes Erath inszeniert Wagners letzte romantische Oper als Nacht­stück. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sind fließend. Ein in einen Lichtrahmen gefasster dunkler Wald mit hellen Bäumen ist das Setting, in dem er dieses musikalische Märchen spielen lässt (Bühne: Herbert Murauer). Der in den hohen Männerstimmen nicht immer ganz intonationsreine, klangmächtige Tschechische Philharmonische Chor (Einstudierung: Petr Fiala) und der Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh, Thomas Böttcher) tragen elegant blaue Abendkleider und schicke schwarze Anzüge (Kostüme: Gesine Völlm). Zu Lohengrins erstem Auftritt flattern Federn in den Zuschauerraum. Der Gralsritter ist selbst ein Schwan mit Flokati-Federmantel. Erath schafft mit seinem Team (Licht: Joachim Klein, Video: Bibi Abel) magische Bilder, indem er die zu schweben scheinende, runde LED-Treppe mal zu einem Meer, mal zu einem Auge oder einem Sternenhimmel verwandelt. Seiner ebenso musikalischen wie fantasievollen Inszenierung gelingen auch subtile Szenenübergänge, etwa im zweiten Aufzug, wenn die Ehehölle von Telramund und Ortrud zum Schlafzimmer von Elsa wird: das sich langsam drehende Ehebett zeigt beide Gemächer. Aber insgesamt fehlt dieser Regiearbeit die Fokussierung. Die ästhetischen Bilder mäandern assoziativ im freien Raum. Ein Röhrenfernseher als Leitmotiv, die Doppelung der Szene durch Videos, die unmotivierte Bühnenräumung im dritten Aufzug – einiges bleibt rätselhaft.

Piotr Beczala singt Lohengrin mit leuchtendem Tenor, weicher Stimmgebung und kantablen Melodiephrasen. Seine Kräfte teilt er sich gut ein, so dass er für die Gralserzählung im letzten Aufzug noch über genügend Reserven verfügt. Rachel Willis-Sorensen schenkt Elsa, die bereits in der ersten Szene im Brautkleid auftritt und Handschellen angelegt hat, strahlende Spitzentöne und auch in den leisen Passagen Tragfähigkeit. Wolfgang Koch ist ein dunkel timbrierter, bedrohlicher Telramund. Tanja Ariane Baumgartner macht Ortrud zu einer charismatischen, unheimlichen Intrigantin. Nur Kwangchul Youn fällt als Heinrich der Vogler mit waberndem Bass im guten Solistenensemble ab, das Samuel Hasselhorn als überzeugender Heerrufer komplettiert.

Orchester- und Kammermusik

Neben dem Debüt von Joana Mallwitz war in Baden-Baden auch das Gastspiel des Royal Concertgebouw Orchestra ein voller Erfolg. Unter seinem designierten Chefdirigenten Klaus Mäkelä gab die Formation drei Orchesterkonzerte und mehrere Kammerkonzerte, bei denen auch Mäkelä mit den zwölf Cellisten des Orchesters als 13. Cellist im Weinbrennersaal zu hören war. Neben einer ausmusizierten, ein wenig zu glatten 8. Sinfonie von Anton Bruckner blieben vor allem das 1. Violinkonzert von Max Bruch mit Daniel Lozakovich und die 5. Sinfonie von Gustav Mahler in Erinnerung, die Mäkelä und das groß aufspie­lende Amsterdamer Orchester zu einem existentiellen Musikerlebnis machten. Die Messlatte hatten die Berliner Philharmoniker in ihren 13 Festivaljahren in Baden-Baden hochgelegt – das Royal Concertgebouw Orchestra sprang an diesem Abend drüber: mit einem bis ans letzte Pult homogenen Streicherklang, mit delikaten Holzbläsersoli, einer exzellenten Solohornistin (Katy Woolley), einem Solotrompeter (Omar Tomasoni) wie vom anderen Stern und vor allem mit einer Teamleistung, die alles dem Gesamteindruck unterordnete.

Neuer Chefdirigent

Klaus Mäkelä wird ab der Saison 2027/28 Chefdirigent des Spitzenorchesters, das er führt, ohne es zu dominieren. Sein Dirigat verbindet Klarheit mit Kraft und Eleganz. Im zweiten Satz „Stürmisch bewegt“ forcieren die Streicher den Klang. Ein aufgewühltes Meer, durch das Mäkelä mit sicherem Stand das Schiff steuert und dabei auch in den Celli wunderbare Sehnsuchtsorte entstehen lässt. Der Choraldurchbruch scheitert, der Schrecken kommt fratzenhaft zurück und wird im Scherzo im ständigen Wechsel von Gemütlichkeit und alptraumhaftem Weltgetümmel gesteigert. Ungebrochen ist nur das Alma Mahler gewidmete Adagietto, wenn auch von großer Traurigkeit. Im Festspielhaus erklingt es luftig und warm im Ton. Hier schöpfen Musik und Publikum Atem vor dem kontrapunktisch unterwanderten Rondofinale, dessen von den fantastischen Blechbläsern zum Strahlen gebrachter Choral am Ende nicht zurückgenommen wird. Danach drückt Mäkelä nochmals aufs Tempo, um Mahlers Angabe „bis zum Schluss beschleunigend“ Wirklichkeit werden zu lassen. Standing Ovations im Festspielhaus für ein existenzielles Konzerterlebnis. Auch sonst ist bei den Kammerkonzerten, dem liebevollen Begleitprogramm und dem groovenden Aufeinandertreffen von Bundesjugendorchester und Bundesjazzorchester (Leitung: Jonathan Stockhammer) viel Begeisterung zu erleben. Intendant Benedikt Stampa zeigte sich folglich im Pausengespräch erfreut: „Künstlerisch wurden unsere Erwartungen noch übertroffen.“ Auch mit den rund 18 000 verkauften Tickets sei er zufrieden. Das seien zwar 2000 Besucher weniger als im letzten Jahr, als sich die Berliner Philharmoniker verabschiedeten, aber mehr als 2024, als „Elektra“ gespielt wurde. „Das Publikum ist großenteils bei uns geblieben“, sagt Stampa – eine genaue Besucher-Analyse steht noch aus. Man hörte neben Englisch, Französisch, Russisch und Japanisch erstmals auch Niederländisch im Festspielhaus. Die harte Zäsur mit dem Abschied der Berliner Philharmoniker haben Stampa und sein Team sportlich genommen. „Das ist auch eine Chance, uns von den Berliner Philharmonikern zu emanzipieren und unsere eigenen Osterfestspiele Baden-Baden zu entwickeln.“

Beethovens Fidelio

Zum zweihundertsten Todestag Ludwig van Beethovens wird es im nächsten Jahr den „Fidelio“ in der Regie von Krzysztof Warlikowski, die „Missa solemnis“ und die 7. Symphonie geben, dazu unter anderem das Mozart-Requiem und Berlioz’ „Symphonie fantastique“. Das modernste Werk in den Konzerten des Mahler Chamber Orchestra und des Royal Concertgebouw Orchestra ist das 1904 uraufgeführte Violinkonzert von Jean Sibelius. Als künstlerisch besonders ambitioniert kann dieses Programm nicht gelten. Stampa spricht von erhofften „exzeptionellen Aufführungen“ und davon, dass er auch immer unternehmerisch denken müsse. Dass sich in diesem Jahr entgegen der Erwartung das „War Requiem“ gut verkaufte, spricht aber durchaus für die Aufgeschlossenheit des Publikums. Und davon, dass man nach erfolgreichem Start der neuen Osterfestspiele in Baden-Baden in Zukunft ruhig noch mutiger werden könnte.

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