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Drama und Revolution

Laurenz Lüttekens Annäherungen an Richard Wagners „Ring“

Von Dieter David Scholz

Der „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner ist auch 150 Jahre nach der Uraufführung des gesamten Zyklus eine Herausforderung. In acht Essays nähert sich der deutsch-schweizerische Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken vor allem Wagners Chef d‘Œuvre. Sein Grundgedanke und roter Faden der vier Texte, die er für die „Ring“-Inszenierung am Theater LaMonnaie/De Munt in Brüssel 2023/24 verfasste, ist die „unlösbare Spannung zwischen Erinnerung an das Vergangene, revolutionärer Überwindung und utopischem Blick in eine vage Zukunft“, Es sei der „willentlich herbeigeführte Widerspruch“ zwischen revolutionärem, kapitalismuskritischem Anspruch und Vorbehalten und Zweifeln gegenüber regulären Theateraufführungen.

Laurenz Lütteken: „Aufgehobene Revolution – Annäherungen an Richard Wagners ,Ring‘“, 129 S., Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2026

Laurenz Lütteken: „Aufgehobene Revolution – Annäherungen an Richard Wagners ,Ring‘“, 129 S., Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2026

Vor dem Hintergrund der Zürcher Kunstschriften Wagners und der Tagebücher Cosimas erklärt der Autor den Zürcher programmatischen Neubeginn „als eine Art Entgegnung auf das Scheitern der Revolution, intentional, komplex und willentlich widersprüchlich“. Am Beispiel von „Rheingold“ erläutert er Wagners Idee des „Musikdramas“, das musikalisch und konzeptuell von den Grundprinzipien der Oper abweicht: „Die zunehmenden Schwierigkeiten, die Wagner mit der Vollendung des Rings bekam, waren begründet im Verhältnis des Dramas zur Revolution. Diese war 1849 gescheitert, und so musste das daraufhin entworfene ‚Kunstwerk der Zukunft‘ zugleich vom Scheitern des Vergangenen und von einem künftigen Gelingen erzählen, also vom Tod Siegfrieds und davon, was dieser für die Menschen bedeuten könne.“ Kennzeichnend sei für Wagner das Scheitern vor der Aufgabe des Künstlers, Kunst und Leben neuerlich eben im „Kunstwerk der Zukunft“ zusammenzuführen.

Besonders deutlich werde das in der „Walküre“, wo die „mythisch-musikalische Erzählung“ sich aus „innerer Notwendigkeit“, also psychischer Erfahrung speise. In Wagners Dramaturgie geht es folglich „nicht um die Logik von äußeren Handlungsmustern, sondern um das Ineinanderfließen von Erinnerung, Reflexion und innerem Antrieb“. Es ist die Modernität der „Technik des Erinnerns und Vergegenwärtigens“, aus der das utopische Potenzial und die musikalische Figur erwachse, die Hans von Wolzogen „Leitmotiv“ nannte. Wagners Motivtechnik wird ausführlich erläutert, vor allem am Beispiel der Lieder Siegfrieds, zumal des Schmiedelieds, einer „Verbindung von tätiger Arbeit und Gesang“. Siegfrieds Schmieden soll ein Schwert hervorbringen, und „zugleich soll der dabei geradezu herausbrechende Gesang eine ganz neue, ganz andere Art von Musik erschaffen“.

In der „Götterdämmerung“, dem Ende der Tetralogie, geht es laut Lütteken vor allem um die Aufhebung von Tradition und Geschichte, der der Linkshegelianer Wagner das Wort rede. Die zunehmenden Schwierigkeiten, die Wagner mit der Vollendung des „Ring“ bekam, seien im Verhältnis des Dramas zur Revolution begründet gewesen, deren Scheitern dann die Erzählung von Siegfrieds Tod bedingt hätte. Das Musikdrama – so Lüttekens Fazit – ist „doppelt dialektisch begründet: als … synthetische Antwort auf Oper und Instrumentalmusik sowie zusätzlich als synthetische Verbindung von antiker Tragödie und modernem Roman. Das Musikdrama erweist sich als das Bindeglied zwischen einer vorrevolutionären und einer postrevolutionären Gesellschaft.“

Diese „Annäherungen an den ‚Ring‘“ werden ergänzt von drei weiteren Essays, die dem revolutionären, linkshegelianischen Hintergrund gewidmet sind, der Bedeutung, die Goethes Welttheater-Entwurf des „Faust“ für Wagner spielte, und dem damit verbundenen „Abschied“ von aller Metaphysik. In einem Ausblick auf Thomas Mann geht es dann nochmals um den in vielerlei Hinsicht für Wagner bestimmenden Gedanken des „Exils“. All diese Aufsätze erscheinen in dem schmalen Buch erstmals im Druck und erstmals auf Deutsch. Ein Nachweis der Texte verortet deren Erstveröffentlichungen. Literaturhinweise und Register runden die anspruchsvolle Arbeit ab.

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