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Kulturpolitik
„Das Theater steht an einem Scheidepunkt“
Auf ein Wort mit dem geschäftsführenden Direktor der Bayreuther Festspiele Heinz-Dieter Sense
Im Gespräch mit Tobias Könemann und Rainer Nonnenmann
Im August 2025 gaben das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst sowie der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien in einer gemeinsamen Presseerklärung bekannt, dass nach dem Abschied von Ulrich Jagels übergangsweise Heinz-Dieter Sense kaufmännischer Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele GmbH wird. Anfang 2026 sollte dann Matthias Rädel die neu geschaffene Funktion als General Manager der Bayreuther Festspiele übernehmen. Der Antritt des bisherigen stellvertretenden geschäftsführenden Direktors und leitenden Controllers an der Deutschen Oper Berlin verzögert sich jedoch, weil sich die dafür nötige Überarbeitung der Geschäfts- und Finanzordnung der Festspiele kompliziert gestaltet. Ziel der Reform ist es, die künstlerische Leitung von Intendantin Katharina Wagner von der Finanzverantwortung der Geschäftsführung zu trennen. Weil sich die GmbH aktuell auf das 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele konzentriert, wird die neue Organisationsstruktur voraussichtlich erst anschließend in Kraft treten.
O&T: Herr Sense, Sie waren schon früher Geschäftsführer der Bayreuther Festspiel GmbH, bevor Sie dies im Oktober 2025 erneut wurden. Seit wann sind Sie in welchen Funktionen den Bayreuther Festspielen verbunden?

Heinz-Dieter Sense. Foto: Daniel Karmann
Heinz-Dieter Sense: Ich bin inzwischen seit vielen Jahren pensioniert und kam zu den Bayreuther Festspielen meist dann, wenn es dort personelle Engpässe oder andere Schwierigkeiten gab. Auch nach meinem Ausscheiden aus der Deutschen Oper Berlin wurde ich erneut gebeten, Verantwortung zu übernehmen — unter anderem bei der Rundfunk-Orchester und -Chöre gGmbH Berlin. Beworben habe ich mich nie; vielmehr ist man stets auf mich zugekommen. Auf entsprechende Anfragen habe ich verschiedene Aufgaben übernommen, oft in Situationen, in denen kurzfristig Unterstützung benötigt wurde. In Berlin hatte ich immer einen guten Kontakt zum Bund, damals vertreten durch Ingeborg Berggreen-Merkel. Sie rief mich eines Tages an und fragte, ob ich mir vorstellen könne, in Bayreuth zu helfen. Ich antwortete, dass ich dazu gerne bereit sei – vorausgesetzt, die damaligen Festspielleiterinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner seien damit einverstanden. Zunächst erhielt ich einen Vertrag für ein Jahr. Dieser wurde jedoch bald um ein weiteres und schließlich um ein drittes Jahr verlängert, da man offenbar keinen geeigneten Nachfolger für diese Position gefunden hatte. Inzwischen haben mich die Gesellschafter der Bayreuther Festspiele erneut gebeten, die Jubiläumsspielzeit zu begleiten und zugleich den Übergang in eine neue organisatorische Struktur mitzugestalten.
O&T: Was sind denn Ihre Feuerwehrqualitäten, dass man Sie immer wieder gerufen hat?
Sense: Ich glaube, dass ich mit meiner Haltung und Arbeitsweise in all diesen Häusern einen Nerv getroffen habe, der bis heute gefragt ist. Gerade in der heutigen Theaterlandschaft werden immer wieder Persönlichkeiten mit solchen „Feuerwehrqualitäten“ in Führungspositionen zurückgeholt, obwohl sie längst im Ruhestand sind. Mein Credo war immer, Kunst innerhalb der finanziellen Möglichkeiten möglich zu machen. Zugleich weiß ich aus eigener Erfahrung, wie schwierig dieser Anspruch in der Praxis umzusetzen ist. Die Debatten über Einsparungen und finanzielle Kürzungen haben mich durch mein gesamtes Berufsleben begleitet. Es gab durchaus Zeiten größerer Ruhe und Stabilität, doch sie waren meist nur von kurzer Dauer.
O&T: Nun sollen Sie Aufführungen der Werke Wagners ermöglichen. Hatten Sie ein einschneidendes erstes Erlebnis mit seiner Musik?
Sense: Meine erste Begegnung mit „Tristan und Isolde“ hatte ich noch während meiner Schulzeit in Hamburg. Der Kulturring bot damals ein Schülerabonnement an, das jungen Leuten den Besuch der Oper ermöglichte, und auf dem Programm stand ausgerechnet dieser Wagner-Abend. Als ich nach der Vorstellung nach Hause kam, sagte ich zu meinen Eltern: „Heute habe ich etwas Schreckliches erlebt — da haben sich vier Stunden lang zwei Menschen auf einer dunklen Bühne angeschrien.“ Später hat sich meine Wahrnehmung allerdings grundlegend verändert. Gerade der „Tristan“ gehört heute zu den Opern von Richard Wagner, die mir besonders ans Herz gewachsen sind.
O&T: An Wagner scheiden sich die Geister. Viele Entwicklungen der Geistes-, Kultur-, Philosophie-, Politik- und Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts lassen sich an ihm und seinem Werk ablesen. Haben Sie einen Bezug zu seiner Person?
Sense: Richard Wagner hat von Anfang an versucht, eine völlig neue Form von Musiktheater zu schaffen. Wie unterschiedlich und intensiv seine Musik Menschen berühren kann, habe ich allerdings erst wirklich in Bayreuth unter den besonderen akustischen Bedingungen des Festspielhauses erlebt. In dieser Hinsicht sind die Bayreuther Festspiele mit keinem anderen Opernhaus der Welt vergleichbar. Ich schätze eigentlich alle Werke Wagners, auch wenn er nicht mein Lieblingskomponist ist. Mein Interesse gilt ebenso den neueren Formen des Musiktheaters. Wenn irgendwo eine Uraufführung angekündigt wird, bei der ich vermute, dass sie spannend sein könnte, gehe ich meistens hin – auch auf die Gefahr hin, enttäuscht wieder herauszukommen. Aber das gehört dazu. Denn im Grunde war es früher nicht anders: Auch damals sind viele neue Werke gescheitert oder rasch wieder verschwunden. Nur kennen wir heute die meisten dieser Stücke nicht mehr – obwohl manche von ihnen vielleicht besser waren als so manche Uraufführung unserer Zeit.
O&T: Mit Ihrem Interesse an Neuem stehen Sie in bester Wagner-Tradition und seinem Ausspruch „Kinder, schafft Neues!“
Sense: Ja, und deshalb sage ich, dass Richard Wagner – unabhängig von der politischen Seite – meine gesamte Auffassung von Musik nachhaltig geprägt hat, weil er etwas radikal Neues geschaffen hat.
O&T: Die neue Organisation der Festspiele mit einem Generalmanager war Bedingung des Bundes, um nach den Finanzierungsproblemen der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth weitere Anteile an der Festspielgesellschaft zu übernehmen. Warum gestaltet sich dieser Umbauprozess so schwierig?

„Lohengrin“ in der Inszenierung von Hans Neuenfels bei den Bayreuther Festspielen 2010. Foto: Enrico Nawrath
Sense: Aus meiner Sicht bestehen die eigentlichen Hemmnisse vor allem darin, dass es eine Stiftungssatzung mit klaren Vorgaben gibt, die bei der Regelung der Nachfolge in der Intendanz berücksichtigt werden müssen. Zugleich gehöre ich zu denen, die überzeugt sind, dass der besondere Reiz dieses Ortes und dieses Festivals auch darin liegt, dass dort bis heute ein Mitglied der Familie Wagner Verantwortung trägt. Darüber kann man natürlich diskutieren – ebenso darüber, wie Katharina Wagner das gegenwärtig macht. Aber solche Debatten hat es bei den Werken von Richard Wagner immer gegeben. Ein Schlüsselerlebnis meiner jüngeren Bayreuther Zeit war der Lohengrin in der Inszenierung von Hans Neuenfels. Die Produktion lief 2011 im zweiten Jahr, als ich als Geschäftsführer nach Bayreuth kam. Anfangs wurde heftig darüber geschimpft, was dort auf die Bühne gebracht worden sei. Als ich die Inszenierung nach vier Spielzeiten absetzte, erhielt ich plötzlich empörte Briefe mit dem Tenor: „Wie können Sie das absetzen? Das ist das Beste, was man hier je gesehen hat!“ Daran zeigt sich für mich auch eine Veränderung zwischen meiner ersten und meiner heutigen Zeit bei den Bayreuther Festspielen. Die Besucherstruktur hat sich deutlich gewandelt. Wie überall im Opernbereich ist das Publikum im Durchschnitt nicht jünger geworden – wobei man für Bayreuth fast schon sagen könnte, dass es tatsächlich jünger geworden ist, weil heute eher Sechzigjährige kommen und nicht mehr Achtzigjährige. Das Publikum zwischen 30 und 45 Jahren, das kulturpolitisch seit Jahrzehnten immer wieder eingefordert wird, hat im Opernbereich eigentlich stets gefehlt. Diese Lebensphase ist oft geprägt von beruflicher Belastung und familiären Verpflichtungen. Deshalb sind für Opernhäuser – auch für Bayreuth – vor allem jene Menschen wichtig, die ab etwa Mitte fünfzig wieder Zeit und Interesse für solche Besuche entwickeln.
O&T: Wie haben sich in den vergangenen Jahren die Besuchszahlen bei den Festspielen entwickelt?
Sense: Die Bayreuther Festspiele werden heute nicht mehr so stark nachgefragt wie angeblich noch vor einigen Jahren. Ich sage bewusst „angeblich“, denn die enorme Nachfrage früherer Zeiten war zum Teil auch ein statistischer Effekt. Jahr für Jahr gab es massive Überbuchungen, weil viele Menschen mit unterschiedlichsten Mitteln versuchten, an Karten zu kommen. Tatsächlich wollte aber oft nur ein kleiner Teil dieser Interessenten am Ende wirklich nach Bayreuth reisen. Die Nachfrage wirkte dadurch größer, als sie in Wirklichkeit war. Über lange Zeit hinweg hat das den Festspielen nicht geschadet. Doch nach Corona hat sich das Publikum spürbar verändert – ebenso wie das Reiseverhalten im Kulturbereich insgesamt. Früher blieben viele Besucher mehrere Tage in Bayreuth, beim „Ring“ häufig sogar fast eine ganze Woche. Die Festspiele waren nicht nur ein Opernereignis, sondern auch ein gesellschaftlicher Treffpunkt.
Nach den Aufführungen saß man in den Wirtshäusern zusammen, diskutierte über Inszenierungen, lobte oder stritt miteinander und traf Jahr für Jahr dieselben Menschen wieder. Diese besondere Festivalatmosphäre ist heute weitgehend verloren gegangen. Gerade darin liegt für Bayreuth eine große Herausforderung: Es reicht nicht mehr aus, sich auf ein gewachsenes Stammpublikum zu verlassen. Vielmehr müssen neue Besuchergruppen angesprochen und für dieses besondere Erlebnis neu gewonnen werden.
O&T: Seit dem Tod Wolfgang Wagners sind Sie in der Geschäftsführung eine Konstante zwischen zwei recht kurzen Amtszeiten anderer. Was sagt das über die Bayreuther Verhältnisse?
Sense: Jede Neuorganisation bedarf auch einer Neuorientierung. Da die Festspiele nicht mit einem normalen Opernbetrieb vergleichbar sind, bedarf es sowohl in der inneren Organisation als auch in der Zusammenarbeit mit den Gesellschaftern, vor allem den staatlichen, eine spezielle auf die Neuausrichtung der Festspiele ausgerichtete Organisationsform. Diese fehlt bis heute, so dass sowohl Holger von Berg als auch Ulrich Jagels als Geschäftsführer keine stabile Organisationsform vorgefunden haben, um auf Dauer erfolgreich arbeiten zu können. Was ich selbst vielleicht anders gemacht habe als beide, ist der Umgang mit Informationen und Entscheidungsprozessen. Ich habe mich auch bei schwierigen künstlerischen Persönlichkeiten stets aktiv um den notwendigen Austausch bemüht – in Berlin etwa bei Götz Friedrich oder Christian Thielemann. Selbst wenn Informationen nur zögerlich oder gar nicht weitergegeben wurden, habe ich nicht lockergelassen und dafür die Geduld und Beharrlichkeit aufgebracht, die in solchen Situationen oft erforderlich sind. Bei dieser Herangehensweise fallen dann strukturelle Defizite weniger ins Gewicht. Die Gesellschafter versuchen gerade, diesen Mangel zu beseitigen und die Leitung der Festspiele neu zu organisieren. Doch der Wunsch der Geldgeber, dass die Festspiele sich durch Eigeneinnahmen selbst finanzieren können, wird auch durch noch so ausgefeilte Modelle oder wirtschaftliche Tricks nicht wahr werden.
O&T: Die Metropolitan Opera in New York hat auch versucht, sich selbst zu tragen, aber dabei immer Sponsoren gehabt.
Sense: Die Metropolitan Opera hat aus meiner Sicht den Fehler gemacht, zu früh und zu umfassend in die Medien zu gehen und ihre Produktionen für Fernsehen, Kino und später auch Streaming verfügbar zu machen. In dem Moment, in dem nahezu jede Aufführung jederzeit abrufbar wurde, ging ein Teil des besonderen Reizes und der Exklusivität dieses Hauses verloren. Gerade das Geheimnisvolle und Einmalige, das früher mit einem Besuch der Met verbunden war, ließ sich dadurch nicht mehr in derselben Weise bewahren. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich inzwischen auch in Deutschland beobachten. Viele Opernhäuser setzen verstärkt auf mediale Verwertung und Streamingangebote – mit allen Chancen, aber eben auch mit der Gefahr, dass das besondere Erlebnis des unmittelbaren Theaterabends an Bedeutung verliert.
O&T: Die Gegenposition sagt, dass man im Stream gerade jüngere Menschen erreicht, die man dann vielleicht auch für den Besuch von Live-Vorstellungen interessieren kann. Aber nochmals zurück zur künstlerischen Leitung der Festspiele nach 2030, wenn der Vertrag mit Katharina Wagner ausläuft. Sie sprechen sich dafür aus, dass die Leitung in Familientradition verbleibt?
Sense: Ja, denn Bayreuth ist in vielerlei Hinsicht ein Ausnahmefall. Einen vergleichbaren Festspielort gibt es weltweit kein zweites Mal – weder bei den Bregenzer Festspielen noch bei den Salzburger Festspielen oder anderen großen Festivals. Gerade diese einzigartige Konzentration auf das Werk von Richard Wagner macht den besonderen Charakter Bayreuths aus.
Ich selbst hätte allerdings nie Intendant in Bayreuth sein wollen – gerade dann nicht, wenn ich ausschließlich künstlerisch denken würde. Nach zehn Jahren hätte man alle Wagner-Werke bereits mehrfach gespielt, und irgendwann stünde man zwangsläufig vor der Frage, wie man immer wieder neue Regisseure, neue Konzepte oder neue Deutungen finden soll. Dann entsteht leicht der Druck, um jeden Preis etwas Neues erfinden zu müssen – auch auf die Gefahr hin, dass sich die Inszenierung immer weiter vom eigentlichen Werk entfernt. Gerade bei Wagner halte ich das für problematisch. Diese Werke sind so bekannt und so stark im kulturellen Gedächtnis verankert, dass man sich künstlerische Fehlgriffe kaum leisten kann.
O&T: Im aktuellen Jubiläumsjahr wird der „Rienzi“ erstmalig im Festspielhaus gegeben. Das ist im Rückblick auf die letzten 150 Jahre ein großer Schritt zur Erweiterung des Kernrepertoires. Wie stehen Sie zu weitergehenden Ergänzungen, vielleicht auch über Wagner hinaus?
Sense: Wenn ich bei den Bayreuther Festspielen künstlerische Freiheit hätte, dann hätte ich durchaus den Ehrgeiz, für dieses besondere Haus regelmäßig Kompositionsaufträge zu vergeben, sodass man dort vielleicht alle vier oder fünf Jahre auch eine Uraufführung erleben könnte. Im Sinne von Richard Wagner und seinem Gedanken „Schafft Neues!“ wäre das aus meiner Sicht sogar folgerichtig – auch wenn man natürlich wüsste, dass sich solche Projekte schwerer verkaufen lassen. Für mich wäre das eine wichtige Möglichkeit, den etwas monotonen Ablauf der bisher noch immer gleichen Fünfjahreszyklen aufzubrechen, in denen sämtliche Wagner-Werke einmal gespielt werden und anschließend alles wieder von vorne beginnt. In diesem Zusammenhang würde ich auch darüber nachdenken, Werke von Siegfried Wagner stärker einzubeziehen. Besonders gespannt bin ich in diesem Jahr auf den neuen „Ring“, der mit Mitteln der Künstlichen Intelligenz gestaltet wird und bewusst auf eine primär szenische Darstellung verzichtet. Ich glaube, dass das Theater derzeit erneut an einem Wendepunkt steht, weil sich viele klassische Formen des szenischen Erzählens erschöpft haben. Die zahlreichen „Ring“-Inszenierungen der vergangenen Jahre waren oft im Detail interessant, haben aber nur selten wirklich neue Perspektiven eröffnet. Gerade Bayreuth war jedoch immer wieder ein Ort grundlegender künstlerischer Neuanfänge – etwa durch Wieland Wagner oder später durch Patrice Chéreau. Ob das nun auch mit einem KI-gestützten „Ring“ gelingt, wird sich zeigen. Aber es ist in jedem Fall ein völlig neuer Ansatz.
O&T: Dieses Jahr gibt es auch die Uraufführung der Oper „Brünhilde brennt“ von Bernhard Lang, allerdings nicht im Festspielhaus und auch nur konzertant, weil das Friedrichsforum zu spät fertig wurde.
Sense: Ich bin in Hamburg während der Ära von Rolf Liebermann an der Hamburgischen Staatsoper groß geworden und habe dort später auch selbst zu arbeiten begonnen. Liebermann verehre ich bis heute. Für mich war er der größte Intendant, den ich je erlebt habe – nicht nur wegen seiner künstlerischen Bedeutung, sondern vor allem wegen seiner Persönlichkeit. Er hatte selbst für den kleinsten Statisten immer noch ein freundliches Wort übrig. Beeindruckt hat mich außerdem, mit welcher Selbstverständlichkeit er jedes Jahr eine Uraufführung auf den Spielplan setzte. Die Mischung, die er seinem Publikum damals zugemutet hat – aus Tradition, Moderne und künstlerischem Risiko – halte ich bis heute für vorbildlich. Genau darin liegt für mich ein richtiger und zukunftsweisender Ansatz.
O&T: Die Rechtsträger der Bayreuther Festspiel GmbH sind – das ist ein offenes Geheimnis – nicht mit allem einverstanden, was Intendantin Wagner in künstlerischer und organisatorischer Hinsicht leistet. Deshalb soll ihr ein General Manager an die Seite gestellt werden. Mit welcher Skepsis oder auch Hoffnung sehen Sie diese Umstrukturierung?
Sense: Ich bin nicht unmittelbar dafür verantwortlich, diese neue Struktur vorzubereiten, wurde dazu aber selbstverständlich konsultiert. Grundsätzlich halte ich eine Doppelspitze für sinnvoller als den Versuch, den künstlerischen und den kaufmännischen Bereich möglichst strikt voneinander zu trennen. Wenn sich Kunst und Kaufmann nicht verstehen, endet das meist damit, dass einer von beiden geht – oder dass dauerhafte Konflikte entstehen. Betrachtet man die Theater in Deutschland, die erfolgreich arbeiten, dann liegt das fast immer daran, dass die künstlerische und die kaufmännische Leitung vertrauensvoll miteinander umgehen und ein gemeinsames Verständnis entwickeln. Treffen dagegen grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen über Strukturen und Arbeitsweisen aufeinander, sind die Probleme praktisch vorprogrammiert. Deshalb wird auch die Position eines General Managers nur dann tatsächlich etwas lösen können, wenn dieser mit Katharina Wagner zusammenarbeiten kann – und umgekehrt. Die konkrete Organisationsstruktur allein entscheidet darüber letztlich nicht.
O&T: Laut Homepage der Festspiele beträgt das Budget im laufenden Jahr knapp dreißig Millionen Euro, aufgewendet von der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern zu jeweils 36 Prozent, der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth zu 15 und der Stadt Bayreuth zu 13 Prozent. Wie wirken sich diese Gewichtungen auf den Einfluss aus, den die Förderer auf die Festspiele nehmen?
Sense: Die vier Gesellschafter der Bayreuther Festspiele verfolgen naturgemäß sehr unterschiedliche Interessen – die Stadt hat andere Perspektiven als der Bund oder die übrigen Beteiligten. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth etwa hatte einmal die Vorstellung, im Bayreuther Festspielhaus solle auch „Hänsel und Gretel“ gespielt werden. Für mich zeigte das, wie groß die Distanz der vorherigen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien zu den eigentlichen Besonderheiten der Festspiele inzwischen geworden war. Ich selbst besuche nach wie vor regelmäßig Premieren in Berlin und Hamburg und stelle dabei fest, dass die Politik den Kulturinstitutionen zunehmend fernsteht. Immer weniger Politikerinnen und Politiker haben noch eine wirkliche Nähe zur Kunst und zum Theater. Das ist aus meiner Sicht ein grundsätzliches Problem für die Kultur in Deutschland. Gleichzeitig tragen aber auch die Theater selbst eine Mitschuld daran. Sie bemühen sich oft zu wenig darum, die Politik wieder enger an ihre Häuser, ihre Künstler und ihre Programme heranzuführen und verständlich zu machen, warum Kultur öffentliche Unterstützung in dieser Größenordnung benötigt.
O&T: In der Demokratie ist die Politik Repräsentant der Gesellschaft, die eben hierzulande immer kulturferner wird. Da liegt der Hase im Pfeffer.
Sense: Aber die Kulturbetriebe und die Kunstschaffenden haben sich in gewisser Weise ebenfalls von der Politik entfernt und nicht ausreichend aktiv den Kontakt gesucht. Diese Entfremdung ist letztlich eine gegenseitige Entwicklung. Da Künstler naturgemäß wenig Zeit für solche Prozesse haben, müssten diese Kontakte von anderen vorbereitet und angebahnt werden – von Personen, die die Gespräche strukturieren und organisieren, sich dann aber im Moment der eigentlichen Begegnung zwischen Kunst und Politik wieder zurückziehen. Das ist ein erheblicher Aufwand an Zeit und Koordination und lässt sich kaum im Rahmen einer normalen Vierzigstundenwoche leisten, auf der inzwischen jedoch viele Geschäftsführer in den Kulturbetrieben ebenfalls bestehen.
O&T: 2024 hat der langjährige Leiter des berühmten Bayreuther Festspielchors Eberhard Friedrich gekündigt, vorgeblich aus Altersgründen. Nach der letzten Vorstellung im Sommer wurde dann der Chor durch Intendantin Wagner faktisch aufgelöst, um den Chor fortan von bisher 134 Planstellen auf 100 zu verkleinern. Für „besondere Anlässe“ kann ein 34-köpfiger „Sonderchor“ aufgestockt werden. Chorleiterwechsel und Reduktion haben damals starke Proteste langjähriger Mitwirkender hervorgerufen. Wie sehen Sie diese Geschehnisse? Hätte es anders laufen sollen? Und wie beurteilen Sie das Ergebnis?
Sense: Der Chor wird jedes Jahr neu zusammengestellt und engagiert, auch wenn über mehrere Spielzeiten hinweg teilweise dieselben Mitwirkenden beteiligt sind. Insofern handelt es sich nicht um eine Entlassung oder Abwicklung des Chores im eigentlichen Sinne. Gleichwohl hätte es vielleicht geeignetere Gelegenheiten gegeben, die geplanten Reduzierungen frühzeitig und im Dialog mit dem Ensemble zu besprechen. Die Überlegungen zur Reduktion ergeben sich aus den finanziellen Rahmenbedingungen der Bayreuther Festspiele. Auf Seiten der zuständigen Behörden gibt es dabei immer wieder die Frage, ob sich der Personalaufwand nicht insgesamt verringern ließe – etwa mit dem Argument: Warum benötigt Bayreuth 134 Sängerinnen und Sänger auf der Bühne, während andere Opernhäuser bei Wagner deutlich kleiner besetzte Chöre einsetzen? Ich persönlich teile diese Schlussfolgerung nicht in dieser Pauschalität, sehe aber durchaus die Notwendigkeit, über strukturelle Anpassungen nachzudenken. Nicht jedes Werk von Richard Wagner erfordert die maximale Chorstärke – etwa die Festwiese in den „Meistersingern von Nürnberg“ –, während andere Werke wie der „Holländer“ auch mit kleineren Ensembles überzeugend realisiert werden können.
O&T: Ein Problem lag auch darin, dass die Festspielleitung mit der Geschäftsführung der VdO, also den professionellen und auch für finanzielle Aspekte zuständigen Repräsentanten des Chores, nicht offen gesprochen hat, sondern glaubte, sich einseitig durchsetzen zu können. Natürlich gab es dann von unserer Seite Widerstand und Gegenargumente. Dass ein offener Dialog nicht zustande kam, lag eher an der Festspielleitung als an uns. Wir haben bis heute die Situation, dass der Tarifvertrag für den Festspielchor nicht gekündigt wurde. Der hat theoretisch immer noch Bestand, wird aber nicht praktiziert.
Sense: Ich sehe auf beiden Seiten gewisse Ungeschicklichkeiten – sowohl bei der Festspielleitung als auch beim Chor. Als ich im Oktober 2025 wieder in Bayreuth begonnen habe, habe ich mir zunächst den Tarifvertrag genau angesehen und auch erwogen, ihn zu kündigen. Davon habe ich jedoch Abstand genommen, weil ich mir damit vor Ort keine zusätzlichen Konflikte schaffen wollte. Gleichwohl halte ich es für notwendig, den Tarifvertrag grundsätzlich neu zu verhandeln und inhaltlich zu überarbeiten.
O&T: Das setzt voraus, dass beide Tarifpartner bereit sind, miteinander zu reden. Oder würden Sie lieber ohne Tarifvertrag weitermachen?
Sense: Nachdem ich die Bedingungen des neuen NV Bühne kennengelernt habe, komme ich zu dem Schluss, dass man unter Umständen sogar besser ohne einen solchen Tarifvertrag leben könnte.
O&T: Was Planungssicherheit betrifft, Verbindlichkeit des Wochenplans, die Organisation bestimmter freier Zeiten und doppelfreier Tage achtmal in der Spielzeit, finde ich, dass das Modernisierungen in der gesamten Gesellschaft sind, von denen man Künstlerinnen und Künstler nicht ausschließen darf.
Sense: Damit sind wir gar nicht so weit voneinander entfernt. Aber eines sollten wir nicht vergessen: Kultur lebt davon, dass sie genau in den Zeiten auf die Bühne kommt, in denen andere Menschen Freizeit haben – und das gilt nicht nur für die Bayreuther Festspiele, sondern für alle Theaterbetriebe. Tarifverträge haben dabei bislang ein gewisses „Atmen“ ermöglicht. Entscheidend war weniger die reine Regelungstiefe, sondern vor allem, wie eine Theaterleitung im Alltag mit dem Betrieb und den Beschäftigten umgeht und welche Spielräume sie tatsächlich gemeinsam gestaltet.
O&T: Der alte NV Bühne ließ fast alles zu und lebte vom sogenannten Annahmeverzug, das haben viele Intendanten bestätigt, also dass die Häuser nicht alles ausgenutzt haben, was sie formal gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern hätten ausnützen dürfen. Nun wurde in den letzten Jahren aber Personal an den Häusern abgebaut, und gleichzeitig hat die Premierendichte zugenommen. Deswegen wurde es wichtig, bestimmte Eckpfeiler zu setzen, damit das Personal nicht verheizt wird.
Sense: Wir wollen bei den Bayreuther Festspielen Kunst ermöglichen und müssen dabei zugleich berücksichtigen, wie wir im Rahmen der gesellschaftlichen Entwicklungen verantwortungsvoll mit den Mitarbeitenden umgehen.
O&T: Letztlich rührt diese Diskussion aus der immer geringeren Finanzierung von Kunst und Kultur. Wie steht es mittel- und langfristig um die Finanzierung der Bayreuther Festspiele?
Sense: Vor dem Hintergrund meiner aktuellen Erfahrungen seit Oktober 2025 lässt sich sagen, dass es auch bei den vier Gesellschaftern der Bayreuther Festspiele heute kaum einfacher ist, Finanzmittel einzuwerben als bei jedem anderen Stadt- oder Staatstheater. In dieser Hinsicht ist Bayreuth längst kein Sonderfall mehr. Wäre ein Mehrheitsgesellschafter vorhanden, könnte vermutlich vieles effizienter und klarer entschieden werden. Da jedoch vier Gesellschafter beteiligt sind und Beschlüsse nur einstimmig gefasst werden können, orientiert sich die Finanzierung in der Praxis oft am schwächsten Glied. Mit Blick darauf erfüllt mich auch die aktuelle finanzielle Lage des Bundes mit Sorge, da sie die Spielräume insgesamt zusätzlich einengt.
O&T: Schon Richard Wagner bedurfte höherer Diplomatie zwischen dem Königreich Bayern und dem Deutschen Reich unter preußischem Kaiser in Berlin. Ist das heute immer noch so?
Sense: Ja.
O&T: Das ist eine vielsagend einsilbige Antwort am Ende aspektreicher Ausführungen, für die wir Ihnen ganz herzlich danken. |