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Berichte
Hoffnungslos unernst
Uraufführung von Neuwirths/Jelineks Groteske „Monster’s Paradise“ in Hamburg
Wie lässt sich ausdrücken, was gegenwärtig in Welt und Politik geschieht? Wie können Text, Bild und Musik ästhetisch gestalten, was sich Logik und Form entzieht? Was wäre eine angemessene künstlerische Antwort auf das wirre Sprechen und Handeln des Chaos-Clowns im Oval Office mit all seinen Entgleisungen und Regelbrüchen? Wie wirr und grotesk muss ein dem gegenwärtigen Trumpismus gewidmetes Musiktheater sein, um die Realsatire satirisch zu verdeutlichen statt bloß abzubilden oder gar zu verharmlosen? Ist eine Steigerung dieses disruptiven Surrealismus überhaupt möglich? Und sinnvoll?

Neuwirth/Jelinek, „Monster´s Paradise“ mit Eric Jurenas, Georg Nigl, Kristina Stanek, Sarah Defrise, Anna Clementi (Sängerin Gorgonzilla), Vanessa Konzok (Darstellerin Gorgonzilla). Foto: Tanja Dorendorf
Das neueste Musiktheaterwerk „Monster´s Paradise“ von Olga Neuwirth auf ein von ihr und Elfriede Jelinek verfasstes Libretto ist nach „Bählamms Fest“ (1999) und „Lost Highway“ (2003) bereits die dritte Tandem-Produktion der Komponistin und der Literatur-Nobelpreisträgerin. Den ursprünglich von der Wiener Staatsoper vergebenen und dann geplatzten Kompositionsauftrag konnte Tobias Kratzer als neuer Intendant der Hamburgischen Staatsoper kurzerhand für die Hansestadt gewinnen. Die Uraufführung in seiner Inszenierung und Rainer Sellmaiers Bühnenbildern und Kostümen wurde vom Premierenpublikum routiniert bejubelt, hinterließ am Ende aber vor allem Tristesse.
Furiose Trump-Karikatur
Schon vor der Vorstellung schiebt sich ein Godzilla-Kostüm durch das Publikum und hüpfen glitzernde Cheerleader über die Bühne. Schließlich treten die Vampiretten Vampi und Bampi auf. Mit entsprechenden Perücken sind beide unschwer als Doubles von Neuwirth und Jelinek zu erkennen, die herumalbern und der Gegenwart auf den Zahn fühlen wollen: „Bampi: Wir sind Grasmenschen und: Die Sonne tönt nach alter Weise zu unsrem dummen Sprechgesang. / Vampi: Man merkt gleich, das ist nicht auf deinem Mist gewachsen, sondern auf Kunstrasen.“ Wie beim „Prolog im Himmel“ von Goethes „Faust“ beklagen die Schauspielerinnen (Sylvie Rohrer, Ruth Rosenfeld) – als weitere Alter Egos der Künstlerinnen später auch die Sopranistinnen (Sarah Defrise, Kristina Stanek) – die Schlechtigkeit des Weltlaufs: hier ein tyrannischer König-Präsident im Weißen Haus, dort die Zerstörung von Natur und Klima durch eine rücksichtslose Menschheit. Obwohl man die Erde längst aufgegeben hat, steigt das Duo ein letztes Mal hinab, um zu retten, was noch zu retten ist oder sich zumindest am blutigen Untergang zu laben.
Die Show beginnt – und führt direkt in den innersten Höllenkreis. Im güldenen Oval Office sitzt der Diktator hinter dem Schreibtisch auf dem Klo. Seine Assistenten Joker und Mickey Mouse reichen ihm Coca Cola und präsentieren in schneller Folge diverse Entertainer: Elvis, Folk-Sängerin, Hundezirkus, Akrobatin, Captain America, Hula-Hoop-Tänzerin in Leoparden-Dress, ein zotteliger Bär und zwei als Hotdogs verkleidete Witzfiguren. Doch der Tyrann ist mit nichts zufrieden und befördert alle mittels rotem Knopf und Elektroschocks in den Orkus. Stumm und starr wie eine Schaufensterpuppe steht daneben First Lady Melania mit typischem Lampenschirmhut, bis auch sie fortgejagt und durch ein neues Girl ersetzt wird. Als Fastfood verschlingende Trump-Karikatur läuft Georg Nigl zu Hochform auf. Der Sänger überschlägt sich im Falsett, brüllt, kreischt, fistelt, faselt, furz, rülpst, sabbert, gestikuliert und grimassiert. Die bewundernswert virtuose Parodie des Despoten in der Art von Alfred Jarrys rübenförmigem „Roi Ubu“ ist faszinierend und abstoßend zugleich.
Die Regie setzt Masse und Macht sinnfällig ins Bild. Das Staatsoberhaupt bläht sich zum greinenden Riesenbaby auf und füllt das komplette Zimmer. Im Verhältnis zum gigantischen Leib schrumpft der Kopf dabei zum winzigen Wurmfortsatz. Das gekrönte Haupt mutiert vollends zum Monster. Doch Hilfe vor dem Vielfraß naht aus der Muppet Show. Verkleidet als Frosch Kermit und Miss Piggy dreschen die beiden Vampi-Retterinnen mit Hämmern und Sägen auf den Popanz ein. Die Waffen aber sind aus Schaumstoff und prallen wirkungslos am großen Trumpel ab. Immer wieder erscheint das Gesicht von Schauspielikone Charlotte Rampling als „The Goddess“, die in leuchtendem Strahlenkranz mit elektronischer Soundgloriole die krause Bühnenhandlung kommentiert oder Plattitüden und ewige Wahrheiten verkündet: „In the end, soft is stronger than hard, love is stronger than violence.“ Schließlich stürmt das zu Zombies verkommene Volk den Regierungspalast und nach dem dritten Bild auch das Pausenfoyer, wo die gespielten Walking Dead durchs echte Opernvolk wackeln.
Ende der Kunst
In den letzten zwei Bildern wird der Oligarch von der Riesenechse Gorgonzilla gestürzt. Die Blauschimmelvariante der japanischen B-Movie-Bestie ist eine Mutation nach einer Atomkatastrophe und äußert sich in artifiziellem Sprechgesang mit Vocoder-Effekten elektronisch verzerrt. Überraschenderweise ist das Ungeheuer gutartig und zeigt im Gegensatz zum Monster, das sich im White House eingenistet hat, menschliche Regungen. Gorgonzilla verschlingt den Usurpator und reinigt die geschundene Mutter Erde durch Feuersbrunst und Sintflut. Von den Überlebenden wird der lebende Dino als „Gott Zilla“ verehrt. Am Ende zeigt ein Video die zwei Vampiretten Neuwirth und Jelinek auf einem Floß mitten im Meer, wo sie vierhändig Klavier spielend dem Sonnenuntergang entgegentreiben, vorbei an der abgesoffenen Elbphilharmonie. Das Sinnbild der Hilflosigkeit von Kunst angesichts von Sexismus, Faschismus und dementem Größenwahn wird noch gesteigert, indem die Tastatur des verstimmten Flügels zu zittern beginnt und sich der Kontrolle der Künstlerinnen-Avatare entzieht, die schließlich resigniert aufgeben: Ende der Welt, Ende der Kunst, Ende der Oper.

Neuwirth/Jelinek, „Monster´s Paradise“ mit Andrew Watts, Eric Jurenas, Georg Nigl, Sarah Defrise, Kristina Stanek und Komparserie der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Tanja Dorendorf
Der Untertitel „Eine Grand Guignol Opéra“ signalisiert ein überdrehtes, amoralisches Puppentheater für Erwachsene mit Schockelementen, bissigem Bürgerschreck und schwarzem Humor. Das Textbuch springt bierlaunig zwischen Sentenzen, Zitaten, Alltagssprache und Kalauern, ist banal, vordergründig spaßig und will wehtun. Der König-Präsident tönt: „Wir haben auf alle Fälle gewonnen! Diese vielen, vielen Stimmen! Ohne Stimmung ka Musi.“ Und die Vampiretten jammern: „Sie wollen uns zerschneiden wie Bockwürste. Darauf hab´ ich aber keinen Bock.“ Ebenso stolpert Neuwirths Musik kreuz und quer durch Oper, Operette, Musical, Belcanto, Rock, Pop, Schlager, Walzer, Märsche, Ländler, Filmmusik, Jazz-Saxophon, E-Gitarre, Drumkit, Hackbrett, Comic-Sounds, Schramml- und Hüttenmusi. Über weite Strecken darf das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Leitung von Titus Engel der Textdeklamation nur schüttere Klangteppiche unterlegen. Chor und Kinderchor hört man nur stellenweise über Lautsprecher.
Gequirlter Kulturmüll
„Monster´s Paradise“ will es mit gegenwärtigen Absurditäten aufnehmen und kratzt doch nur an der Oberfläche dessen, was ständige Pushup-Nachrichten auf allen Kanälen vermelden. Kein verbaler und kompositorischer Gedanke wird konzise artikuliert, bekräftigt oder verworfen. Statt wie ein Lehrstück die ideologischen, politischen und wirtschaftlichen Ursachen zu analysieren, die dazu führten, dass jemand wie Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten werden konnte, serviert man die Menschheitsdämmerung als grelles Splatter-Horror-Spektakel. Text, Musik und Regie sind finster entschlossen, Spaß zu machen, was das Mashup eine Zeitlang auch tut, bevor es ermüdet und deprimiert. Der bunte Mix verquirlt unterschiedslos Kunst und Kitsch, Sarkasmus und Showbiz, Disneyland, Marvel und Karneval zu beliebigem Kulturmüll.
Nach fast drei Stunden Klangwust, Wortsalat und Bilderflut fühlt man sich wie die orientierungslos durch die Apokalypse staksenden Zombies: leer, überfahren, ausgelaugt. Die Farce hinterlässt eben jene Geist- und Hilflosigkeit, die sie selber der durch Kommerz und Kulturindustrie sedierten Menschheit vorwirft. Diese Vogelstrauß-Taktik bringt der inzwischen neunzigjährige Komponist Helmut Lachenmann treffsicher mit einer schon von Karl Kraus zurechtgedrehten Politphrase auf den Punkt: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“
Rainer Nonnenmann |