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Hintergrund
Auf den Spuren von Yvonne Georgi
„Gera im Mai“ – ein Tanzfestival der besonderen Art
Von Ralf Stabel
Ab dem 8. Mai 2026 gibt es am Theater Gera das zweiwöchige „Internationale BallettFestival Gera 26“. Dieses Event ist eine außerordentliche Angelegenheit für das Thüringer Staatsballett und vor allem für das heimische und anreisende Publikum. Anlass des Festivals ist die Spielzeit 1925/26, in der die moderne Tänzerin Yvonne Georgi (1903–1975) am Reußischen Theater in Gera ihre erste Anstellung als Gründerin und Leiterin einer Tanzgruppe wahrnahm. Sie war damals – mit gerade einmal 21 Jahren – die jüngste „Ballettdirektorin“ Deutschlands, wie es damals in der Presse hieß.
Georgi und das Reussische Theater
Jede Biografie hat ihre Sonnen- und ihre Schattenseiten. Manche Biografien haben sogar Leerstellen. Diese werden dann zu Lehrstellen für die Forschung. Eine solche Leerstelle in der Biografie von Yvonne Georgi scheint Gera zu sein. Dabei ist die Bedeutung ihres ersten Engagements als Leiterin der dortigen Tanzgruppe für ihre weitere erfolgreiche internationale Karriere nicht hoch genug einzuschätzen.

Arshak Ghalumyan, „Pulcinella“ mit Jéssyca Helena Rett als Yvonne Georgi und Trompeter Sami Lab. Foto: Ronny Ristok
Bekannt ist, dass Georgi selbst aus Leipzig stammte und eigentlich schon auf dem Weg war, Bibliothekarin zu werden, als der moderne Tanz in Gestalt von Mary Wigman sie begeisterte. Georgi ging fortan bei Wigman in die Lehre, gemeinsam mit Gret Palucca, Harald Kreutzberg, Leni Riefenstahl und anderen. Diese ersten Schüler:innen genossen in der Wigman-Schule in Dresden ab 1920 eine unfassbare Freiheit im künstlerischen Gestalten, denn Mary Wigman musste das Lehren auch erst lernen.
Ebenso bekannt ist, dass sie mit Palucca erste Soloauftrittserfahrungen sammelte und mit Harald Kreutzberg auf USA-Tournee ging. Durch ihre Ehe nahm sie 1932 die niederländische Staatsbürgerschaft an und arbeitete fortan in den Niederlanden. Sie tat dies auch während der Besatzung durch Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Nach dem Krieg war sie in Düsseldorf und dann wieder, wie schon vor dem Krieg, in Hannover als Ballettdirektorin engagiert und dort auch als Hochschullehrerin tätig. Heute erinnert eine nach ihr benannte Straße und eine Gedenktafel dort an sie. Ihr Nachlass liegt im Deutschen Tanzarchiv in Köln.
Unbekannt scheint bisher zu sein, dass sie ihre Karriere als Leiterin in einem Theater in Gera begann. Diese historische Wissens-Lücke wird nun tanzhistorisch als auch tanzpraktisch mit dem Internationalen Festival geschlossen.
Was geschah 1925/26 in Gera?
Die 1903 in Leipzig geborene Yvonne Georgi galt 1925 bei ihrem Erstengagement als Leiterin der Tanzgruppe Gera erst einmal als Schülerin der Ausdruckstänzerin Mary Wigman. Der Intendant Bruno Walter Iltz kannte sie aus Künstlerkreisen in Dresden. Yvonne Georgi gelang dann aber tatsächlich ein bemerkenswerter tänzerischer Aufbruch in Gera, und das in doppeltem Sinn: Sie ist zum einen mit ihrer Tanzgruppe und dem Geraer Publikum in eine neue Welt des Tanzes aufgebrochen und hat zum anderen die alten Formen des traditionellen Theatertanzes aufgebrochen. Selbst der berühmte Berliner Tanzkritiker der „Vossischen Zeitung“ Artur Michel war von ihrer Arbeit begeistert.
Er war eigens nach Gera gereist, um ihren ersten Abend zu erleben und schrieb am 6. Oktober 1925: Man dürfe das Theater zu einem solchen Gewinn beglückwünschen und: „Yvonne Georgi ist heute die erste Ballettmeisterin, die an einer kleinen Bühne den Mut und die Energie hat, den Bühnentanz in neuem Geiste, ohne jeden Kompromiss mit der Ballettkonvention, zu pflegen.“
Es ist schon erstaunlich, dass in der Weimarer Republik ein von Erbprinz Heinrich Reuß finanziertes Theater einen solchen Vorstoß in die Moderne wagte. Am Ende jener Spielzeit schrieb der Kritiker Fritz Böhme am 4. Mai 1926 im „Berliner Börsen-Courier“ unter der Überschrift „Yvonne Georgis Abschied aus Gera“ über ihre „Pulcinella“-Choreografie und resümiert: „Die Leistung setzt sie in eine Reihe mit den wesentlichen Führern der Tanzgruppen, die im jüngsten Geiste arbeiten.“
Das Festival
Leiter und Kurator des Tanzfestivals „Gera im Mai“ ist Norbert Skowronek. Zur Einmaligkeit dieser Veranstaltungsreihe sagt er: „Es ist ein Festival auf der Grundlage einer lokalen Historie, von der eine Strahlkraft auf die internationale Entwicklung des Tanzes ausging!“ Nicht zuletzt durch Georgis mutiges künstlerisches Arbeiten fand damals eine Weiterentwicklung des modernen Tanzes in Deutschland und weltweit statt. Yvonne Georgi, sagt Skowronek, hatte „den Mut und die Weitsicht, mit jungen Tänzerinnen und Tänzern neue Wege gehen zu wollen.“ Diese Haltung verbinde sie sowohl mit dem heutigen Bundesjugendballett als auch mit Tanzkünstler:innen, die damals wie heute national und international auf unbekannten Wegen in neue künstlerische Welten hinausgehen und gingen.

„Die Unsichtbaren“ von John Neumeier für das Bundesjugendballett. Foto: Kiran West
Alle Eingeladenen haben einen Bezug zum Thema „Aufbruch“. Eröffnet wird das Festival am 8. Mai mit der Premiere des Balletts „Romeo und Julia“. Emanuele Babici, derzeit Tänzer beim Stuttgarter Ballett, wird damit seine erste abendfüllende Inszenierung zur Komposition von Sergej Prokofjew vorstellen.
Ihm folgt die Berliner Compagnie Sasha Waltz & Guests mit dem Werk „In C“. Sasha Waltz hat mit ihren Werken in der Tradition des deutschen modernen Tanzes und mit ihrer Compagnie weltweit Beachtung gefunden. Zu ihrer zeitgenössischen Arbeitsweise sagt sie: „Es geht darum, allein und gemeinsam Entscheidungen zu treffen, sich miteinander zu vernetzen, zuzuhören, sich gegenseitig zu unterstützen, zusammenzuwachsen, sich Raum zu geben, zu spüren, was gebraucht wird, was man zum Wohle der gesamten Gemeinschaft auf der Bühne tun kann und niemanden zurückzulassen.“
Das Aalto Ballett Essen präsentiert das Ballett „Carmen“ in der Choreografie von Johan Inger. Wie Yvonne Georgi begann der armenische Tänzer Armen Hakobyan seine künstlerische Laufbahn in Gera. Heute ist er Co-Intendant beim Ballett Essen.
Von weit anreisen wird die Boston Dance Company. Und das hat einen besonderen Grund. Deren Gründervater Jan Veen (1903–1967) tanzte in eben jenem legendären Jahr bei Yvonne Georgi in Gera. Anschließend ging er nach Shanghai und von dort nach Boston, gründete am städtischen Konservatorium eine Tanzausbildung, aus der sich dann das Boston Dance Theater entwickelte. In Gera hieß der in Wien geborene Gründer noch Jan Renieff, nannte sich dann aber nach dem Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich aus Protest in Jan Veen um.
Das Stück „Die Unsichtbaren“ von John Neumeier für das Bundesjugendballett könnte so etwas wie das „Flaggschiff“ des Festivals sein. John Neumeier wollte, aus unterschiedlichen Quellen gespeist und von verschiedenen Motivationen inspiriert, den tänzerischen Aufbruch in die Moderne und auch den anschließenden Abbruch dieser Entwicklung zur Zeit des Nationalsozialismus mit Schauspieler:innen, Musiker:innen und Tänzer:innen auf die Bühne bringen.
Zur Entstehung des Werkes, das er mit „Eine Tanz-Collage“ untertitelt hat, sagte er: „Die Idee dazu habe ich lange Zeit verdrängt. Vielleicht ist es aber auch gut, dass dieses Werk so spät zustande kommt. Heute bringe ich die Erfahrung mit, mit einem so wichtigen und sensiblen Thema angemessen umzugehen.“ „Die Unsichtbaren“ sei daher auch eine Auseinandersetzung mit den Tanzformen der damaligen Zeit und deren großen Protagonisten: Rudolf von Laban, Mary Wigman, Gret Palucca, Harald Kreutzberg, Alexander von Swaine, ergänzt Neumeier. Alle von ihm Benannten sind mit eigenen Werken und Formen in eine damals neue Welt des Tanzes aufgebrochen.
Die Werke, die Yvonne Georgi in der Spielzeit 1925/26 in Gera geschaffen hat – darunter „Pulcinella“, „Barabau“ und „Saudados do Brazil“ –, sind mit ihren Interpret:innen auf alle Ewigkeit unauffindbar in der Tanzgeschichte verschwunden. Allerdings ist es dem Choreografen Ricardo Fernando gelungen, Georgis Choreografie „Glück, Tod und Traum“ zur Musik von Gottfried von Einem aus dem Jahr 1954 zu rekonstruieren. Im Libretto heißt es dazu: „Dunkles klopft an und tritt ein, schwarz wie Asche und höllenrot umflammt: der Tod. Eine Wolke geht über den Mond: der Traum. Wind, Nacht und Mond. Ich schreibe mit Leibern. Ich schreibe das Glück.“

John Cranko, „Jeu de Cartes“ mit Christan Emanuel Amuchastegui als Joker (Mitte), Ermes Vanni, Pol Dominguez Perez, James Cooper und Damiano Cerri. Foto: Ronny Ristok
Wie es von einem dramaturgisch ausgewogenen Festival zu erwarten ist, folgt auf dieses düstere Stück ein heiterer Abend mit den Werken „Pulcinella“ und „Jeu de Cartes“ zu Kompositionen von Igor Strawinsky. „Jeu de Cartes“ ist ein Meisterwerk des Choreografen John Cranko, der das Stück 1965 für das Stuttgarter Ballett schuf. Die Idee ist ebenso einfach wie genial: Es werden drei Runden Poker „vertanzt“. Die Bewegungsfreiheit der tanzenden Spielkarten entspricht deren Wertigkeit im Kartenspiel. Einzig der Joker kann alle Karten ersetzen und tut dies in dieser Inszenierung mit außerordentlicher Virtuosität und Witz. John Cranko löst hier choreografisch ein, was im Theater immer das Schwierigste ist: Humor!
Vorab gibt es mit „Pulcinella“ eine Uraufführung besonderer Art. Choreograf Arshak Ghalumyan und Dramaturg Norbert Skowronek hatten die Idee, Yvonne Georgi selbst in diesem Werk auftreten zu lassen, das sie 1926 für ihre Geraer Tanzgruppe erfolgreich in Szene gesetzt hatte. So gibt es neben der originalen Pulcinella-Handlung mit viel Verwirrung stiftender Liebe und Eifersucht eine Parallel-Handlung, in der genau dieselben Emotionen bei einer Ballett-Compagnie zu erleben sind, die dieses Werk im Ballett-Saal einstudiert. Theater im Theater! Dieser Abend hatte bereits kürzlich seine umjubelte Premiere, und Generalintendant Kay Kuntze nannte ihn einen „Teaser für das Ballett-Festival“.
Begleitprogramm
In einem umfassenden Begleitprogramm werden Filme über John Cranko und Alexander von Swaine gezeigt. Es wird eine Gesprächsrunde mit der soeben gekürten Trägerin des Deutschen Tanzpreises 2026 Gabriele Brandstetter zu eben jenem tänzerischen Aufbruch in den 1920er-Jahren in Deutschland geben. Ein „Philharmonisches Konzert“ mit Ballettkompositionen jener Aufbruchszeit und eine Ballettgala mit den internationalen Stars und Sternchen von heute runden das Programm ab.
Eine Ausstellung mit dem euphorischen Titel „Bravo, Gera!“ in der Orangerie gleich hinter dem Theater wird sich anhand von Original-Dokumenten mit dieser Spielzeit in Gera, ihren Protagonist:innen und ihren weiteren Lebenswegen beschäftigen.
Das Festival ist eine einmalige Gelegenheit, sich umfassend mit dem Thema „Tänzerischer Aufbruch“ im Deutschland der 1920er-Jahre anhand von Yvonne
Georgi in Gera zu beschäftigen. Und für die, die es nicht wissen sollten: Gera ist das einzige Theater in Deutschland mit angeschlossenem Hauptbahnhof. Nirgends ist der Weg vom Zug in den Zuschauerraum kürzer. Im Mai wird Gera zur Tanzstadt!
Transparenzhinweis: Der Autor ist wissenschaftlicher Berater und dramaturgischer Mitarbeiter des Internationalen Ballettfestivals in Gera und war in der selben Funktion an der Entstehung des Werkes „Die Unsichtbaren“ beteiligt.
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