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Berichte
Ende eines epochalen Werkzyklus’
Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ in der Berliner Staatsoper
In Leoš Janáčeks Märchenoper sind und bleiben – wogegen kein naturmystisch-pantheistisches Mitgefühl hilft – den Männerstimmen die dominierenden Menschen vorbehalten und den Frauenstimmen die Tiere. Ausnahmen sind Karikaturen aus dem Fach der komischen Alten oder Buffos. „Echte“ Männer geben den Förster und den Wilderer, „nur“ Frauen dagegen Füchsin und Fuchs: Jäger und Gejagte mithin. Janáčeks Verhältnisse zum weiblichen Geschlecht waren, vor allem zu viel jüngeren Frauen, gleichermaßen problematisch, ähnlich Puccini und dessen „Butterfly“. Beide haben als Tierwesen bezeichneten jungen Frauen ihre differenzierteste, farbigste Musik gewidmet. Die Titelheldin von Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ ist eine mährische Cho-Cho-San.

Leoš Janáček, „Das schlaue Füchslein“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden mit Vera-Lotte Boecker. Foto: Monika Rittershaus
Dekorierte Lydia Steier unlängst an der Berliner Staatsoper Unter den Linden bei Offenbachs „Hoffmann“ den genderproblematisierenden Überbau bloß affirmativ, so ging Ted Huffman bei seiner Inszenierung des „Schlauen Füchslein“ naiver vor. Im Rückbezug auf Janáčeks Vorlage, die Bildergeschichte aus einer Brünner Zeitung, ließ er sich vom feinen Strich der Comics anregen und dem weißen Grund, von dem sich das Gezeichnete abhebt (Bühne: Nadja Sofie Eller). Alle Tiermaskerade, die eine Realisierung dieser Oper sonst erschwert, fiel wohltuend ab und wurde nur angedeutet (Kostüme: Astrid Klein). Hie und da ein Requisit, Flügel, Schneckenhaus. Orange waren die Füchse, blau die Libellen, knatschgrün die Frösche, die vierzehn Kinder und Jugendliche der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin mit Luft- und Bodenakrobatik bravourös als wuselndes Tierleben darstellten. Ebenso bravourös der Kinderchor bei Soloeinlagen von den Försterskindern bis zum sonstigen Gekreuch und Gefleuch. Das waren Glanzlichter der Berliner Kunstjugend bei einem Stück, das nach über einhundert Jahren erstmalig an der Staatsoper lief.
Bei alldem Zirkus und Zauber gelingt Huffman jedoch keine durchdringende Deutung des Werks, die dem Ort und der Musik gemäß wäre, dem Zwiespältigen und Ambivalenten zwischen Mann und Frau, Mensch und Tier, indem sie das Tragische nicht bloß hinnimmt, sondern annimmt und sich ereignen lässt. Was nötig gewesen wäre, stand indes zur Verfügung, Stimmung, Set und phänomenale Sänger mit Kraft und Ausdruck, denen allerdings eine Personenregie von höherem Kaliber zu wünschen gewesen wäre, um diese Energien frei sich entfalten zu lassen – jenseits von Mann und Frau, Mensch und Tier.
Vera-Lotte Boecker als Füchsin verfügte über solche Energien. Zuletzt war sie eine umwerfende, von Frau zum Baum sich wandelnde Daphne im olympischen Schneegestöber Romeo Castelluccis. Klar in der Aussprache, kristallwarm im Ton und stark in der Erscheinung auch bei ihrem Rollendebüt hängt man an allem, was sie von sich gibt. Das animierte auch die erfahrenere Magdalena Kožená als Fuchs – für die Brünnerin ebenfalls ein Rollendebüt –, die zuweilen gehütete Mezzo-Deckung zugunsten ihrer sehr einnehmenden Höhe zu verlassen. Was die beiden an Waldeslust in knappen Duetten hinlegten, überstieg manch ausuferndere Nacht der Liebe. Svatopluk Sems Debüt als Förster liegt indessen schon weiter zurück. Wohltönend und verinnerlicht verkörperte er die Rolle. Für den Schlussgesang auf Natur und ewigen Kreislauf in Menschen- und Tier-Verhältnissen hätte man gewünscht, die Regie hätte ihm mehr geboten als nur einen überdimensionalen Maulwurfshügel, vielleicht ein tschechisches Comic-Zitat im Blow-up oder jedenfalls Dimensionen, die aus einer Nostalgie alter Herren – womöglich Janáčeks eigene – hinausführten.
Dass das alles so kam, ist das Ergebnis eines fünfzehn Jahre währenden und vor allem bei sechs Janáček-Opern gepflegten Liebesverhältnisses zwischen Simon Rattle und der Berliner Staatskapelle. In blindem Einverständnis und tiefenentspannt bescheren sie alles, was das tiefe Herz von Janáčeks Musik begehrt, alle feinsten Farb- und Rhythmuswechsel, Jubel und Elegie, Schwung und Schrecken, den verbiesterten wie den umarmenden Klang. Die Interpreten sind aneinander älter und weiser geworden, sanft und klug, treffen schlicht den Ton, der alles sublimiert.
Bojan Budisavljević |