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Berichte
Anubis im Schwarzwald?
Matthias Pintschers Märchenvertonung „Das kalte Herz“ an der Staatsoper Berlin
Wer kennt es nicht, das 1828 am Beginn des (Dampf-)Maschinenzeitalters entstandene Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, in dem ein armer Köhler im Schwarzwald sein Herz verkauft, um zu Reichtum zu kommen. Der renommierte und in den USA erfolgreiche Komponist, Dirigent und Musikprofessor Matthias Pintscher hat das Märchen nun als Oper an der Berliner Staatsoper präsentiert. Der Pianist und Lyriker Daniel Arkadij Gerzenberg hat ihm frei nach Hauff das Libretto geschrieben. Das Stück wurde seit 1885 schon mehrfach vertont.

Matthias Pintscher, „Das Kalte Herz“, Uraufführung an der Staatsoper unter den Linden mit Samuel Hasselhorn und Sunnyi Melles. Foto: Bernd Uhlig
Der US-amerikanische Regisseur James Darrah Black, der mit seinem Team für Oper, Schauspiel und Film arbeitet, verantwortete die Inszenierung dieser Uraufführung, die bei Publikum wie Presse allerdings überwiegend auf Ablehnung stieß. Der Schwarzwald ist ein sagenhafter Zauberwald, zudem ein Ort, an dem Holz zu Kohle verwandelt und Glas bearbeitet wird. Es geht um den Traum eines armen Köhlers von Reichtum und schnellem Aufstieg. Dafür tauscht er sein Herz gegen einen Stein. Von Hauffs Märchen ist in Gerzenbergs Libretto allerdings nicht mehr viel übrig. Zwar ist Peter Munk nach wie vor ein Sonntagskind und deshalb mit besonderen Gaben versehen, das Glasmännlein (der Gute) und der Holländermichel (der Böse) wurden allerdings gestrichen. Stattdessen tritt der altägyptische Gott Anubis auf. Das Köhlerdasein spielt dagegen ebenso wenig eine Rolle wie der deutsche Wald. Dieser wird stattdessen zu einem Ort geheimnisvollen, unheimlichen, ja undurchsichtigen Geschehens.
Anders als in Hauffs Märchen opfert Peter sein Herz nicht aus Gier nach Reichtum, sondern um sich von inneren Ängsten zu befreien. Regisseur James Darrah Black hat alles getan, dieses absurde Libretto aufzuhübschen und das mythologische Durcheinander szenisch bis zu völliger Unverständlichkeit zu vernebeln. Ein nebelverhangener, sich bewegender Wald und an Haken herabhängende Wolfskadaver bilden in Adam Riggs Bühnenbild eine fragwürdige Grusel-Kulisse. Yi Zhao weiß das immerhin effektvoll zu beleuchten. Molly Irelan hat die Kostüme zu verantworten, die zwischen Fantasy und Heute schwanken. Der Abend gliedert sich in zwölf Tableaus (Bilder) und hat etwas von surrealem Romantik-Kitsch auf immerhin hohem Niveau.
Matthias Pintscher dirigierte die Uraufführung selbst. Nach eigener Aussage legte er Wert darauf, „Das kalte Herz“ für die Staatskapelle mit ihrem dunklen, deutschen Klang geschrieben zu haben. Auch habe er sich in seinem neuen Werk „an dem langsamen Glühen von Wagner-Opern orientiert“. Davon ist jedoch nichts zu hören. Die angebliche Begeisterung für Wagners Leitmotivik und auch die „mikrotonalen Farbpaletten“, von denen man im Programmheft liest, bleiben allesamt bloße Lippenbekenntnisse. Stattdessen setzt Pintscher auf Percussions-Effekte und Naturgeräusche von knarrenden Bäumen, flatternden Eulen, pickenden Spechten und Knistern. Die Musik würde zu einem Gruselfilm passen, versteht romantisch zu säuseln und auch ordentlich Krach zu machen.
Dass der Komponist nach eigenem Bekunden den Gesang als Äußerung des reinen Gefühls versteht, kann man schwerlich nachvollziehen. Dabei gaben die hochkarätigen Sängerinnen und Sänger ihr Bestes. Samuel Hasselhorn sang mit samtigem Bariton einen eindrucksvollen Peter. Sunnyi Melles als Azaël (eine Figur aus jüdischen, christlichen und islamischen Texten, oft als gefallener Engel bezeichnet) hatte lediglich eine Sprechrolle und die serbische Mezzosopranistin Katarina Bradić sang die Mutter. Sophia Burgos rang mit ihrem lyrischen Sopran um ihre Liebe zu Peter, Adriane Queiroz trat als alte Frau auf und Rosie Aldrigde ang einen stimmlich grenzwertigen Anubis. Alles in allem blieb diese Uraufführung eine große Enttäuschung. Was man hörte war zu artifiziell, zu schrill, zu unmelodisch, um die Herzen zu erwärmen. Das Publikum reagierte am Ende des 150-minütigen Abends denn auch alles andere als begeistert.
Dieter David Scholz |