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Die Zukunft im Blick

Das Hamburg Ballett kämpft bei „Fast Forward“ noch mit dem Status quo

Von Vesna Mlakar

So eine Ballett-Spielzeit hat es in Hamburg noch nicht gegeben. Der Großteil des Programms wurde vom Hoffnungsträger in der Nachfolge von John Neumeier geplant. Doch schon vor seiner ersten abendfüllenden Kreation musste Demis Volpi den Posten des Hamburger Ballettintendanten vergangenen Sommer bereits wieder räumen. Ein Eklat, der das Stammpublikum spaltete. Seitdem gibt es die Interimsleitung von Lloyd Riggins als Künstlerischer und Nicolas Hartmann als Geschäftsführender Ballettdirektor. Beide arbeiten daran, den zwangsläufig entstandenen (Image-)Schaden möglichst elegant aufzufangen und die Anmutung der Kompanie neu zu erfinden.

Aleix Martínez, „Romantic Evolution/s“ des Hamburg Ballett mit Hayley Page und Florian Pohl. Foto: Kiran West

Aleix Martínez, „Romantic Evolution/s“ des Hamburg Ballett mit Hayley Page und Florian Pohl. Foto: Kiran West

Eine solche Gratwanderung führt am choreografischen Erbe der jahrzehntelangen Neumeier-Vergangenheit entlang, will heute wichtige Stücke im Sinn einer ausgewogenen Repertoirepflege berücksichtigen und (in Hamburg) ungewohnte zeitgenössische Strömungen aufgreifen. Kann dieser mehrfache Spagat gelingen? Zum Saison-Auftakt war ein erster Schritt auf dem steinigen Weg Richtung Zukunft, für „Romantic Evolution/s“ den Ersten Solisten Aleix Martínez mit einer Uraufführung zu beauftragen, die – repertoireprogrammatisch durchaus innovativ – einen urromantischen Märchenstoff wie „La Sylphide“ in der historisch überlieferten Fassung von August Bournonville ins Hier und Jetzt weiterdenkt.

Der Coup einer zwar düsteren, aber mit zahlreichen Querverweisen gespickten und unheimlich emotional-bewegenden zeitgenössischen Fortschreibung gelang: Martínez schickt im zweiten Teil des Abends den Protagonisten James in die Hölle des eigenen Gewissens. Ein Stoff, mit dessen tänzerischer Umsetzung die Premierenbesetzung – im Gegensatz zum klassisch-pittoresken schottischen Bauernhochzeitsflair und den überirdisch-grazilen Wald-Luftgeistern zuvor – kein bisschen fremdelte, sondern darstellerisch auf Anhieb überzeugte.

Das Phänomen, insbesondere modernere Werke magisch leuchten zu lassen, wiederholte sich zu Beginn von „Fast Forward“. Der Vierteiler war gedacht als „Anheizer“ für die Ballett-Tage mit Kontrast zu Alexej Ratmanskys Handlungsballett „Wonderland“ im Juni. Die Produktion sollte ursprünglich unter dem Titel „Kein Zurück“ als zusätzliche Premiere mit breitem Handschriftenspektrum eine neue Arbeit von Volpi enthalten. Um deren Wegfall zu kompensieren, wurde George Balanchines „Serenade“ zu Tschaikowsky-Musik einstudiert. Deren eigentümlich archaische Erzählmomente fügten sich letztlich gut in den inhaltlichen Bogen des Mehrteilers.

Allerdings verlangt die ganz in Blau gehaltene neoklassische Choreografie für zwanzig Frauen und sechs Männer – es war 1935 Balanchines erstes Ballett in den USA – in der Gruppe ein Unisono und gestalterisch überragenden Gleichklang, um die volle Wirkung zu entfalten. Doch das ist ein Punkt, an dem das Hamburg Ballett in seiner neuen Zusammensetzung älterer und jüngerer Ensemblemitglieder noch wird feilen müssen. Was für eine enorme Ausdruckspower auch den jüngeren Gruppentänzern nichtsdesto­trotz zu eigen ist, war im Anschluss gleich dreimal zu erleben.

Marcos Morau, Garant für mystische, (alp)traumhafte Tanzstücke, hat den rituell-performativen Horrortrip „Totentanz“ seiner von Festival zu Festival tourenden Truppe „La Veronal“ zu einem grausig-poetischen Trio an der Schwelle vom Leben zum Tod verknappt. Ein Stabmikrofon, eine Neonröhre, darunter altargleich der nackte Seziertisch und die langen Schleppgewänder sind in Hamburg Ausstattung genug. Auf der Bühne herrscht Dunkelheit – am Schluss Donner und Blitz. Das drastische Ruckeln und Zuckeln von Körpern, die sich im Sterben noch geisterhaft ans Dasein klammern, interpretieren Daniele Bonelli, Louis Musin und Charlotte Larzelere famos.

Selina Appenzeller (Maria) und Charlotte Kragh (Engel) behalten anschließend in Angelin Preljocajs 1995 entstandenem Duo „Annonciation“ die Spannung einer „seltsamen Koexistenz von Akzeptanz und Rebellion, die Kollision von Raum und Zeit“ bei. Mit ihrerseits enorm impulsiven Auftritten innerhalb einer bildstark durchstrukturierten Choreografie machen sie die Botschaft der unbefleckten Empfängnis mit dem Theatermittel des „gedehnten Augenblicks“ als mentale innere Reise begreifbar.

Xie Xin, „The Moon in the Ocean“ bei Fast Forward des Hamburg Ballett mit Moisés Romero und Ensemble. Foto: Kiran West

Xie Xin, „The Moon in the Ocean“ bei Fast Forward des Hamburg Ballett mit Moisés Romero und Ensemble. Foto: Kiran West

Alles zum Fließen bringt am Ende die chinesische Choreografin Xie Xin. Ihre Arbeit „The Moon in the Ocean“ ist herrlich detailkomplex. 17 Tänzer verwandeln sich in ein Meer aus Körpern. Einen von ihnen (Joaquin Angelucci) lässt der riesige Florian Pohl schier karyatidenhaft in seinen Armen schweben. Dazwischen tauchen aus den Tiefen des Ensembles die beiden Rollenträgerinnen (Xue Lin und Ana Torrequebrada) des sich im Wasser spiegelnden Mondes auf. Aus der spirituellen Intensität des Strömens löst sich Moisés Romero heraus. Er berührt durch menschlich-liebendes Empfinden.

Man kann nur hoffen, dass das Hamburg Ballett in der nächsten Spielzeit genau da weitermacht, wo „Fast Forward“ sinnlich berauschend abbricht.


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