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Berichte
Ostsee-Bild mit „Dame“
Das Theater Vorpommern entzaubert Detlev Glanerts Fontane-Oper „Oceane“
Detlev Glanerts Oper „Oceane“ verschlägt es seit der Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin 2019 gerne Richtung Norden – erst nach Bremerhaven (2022), jetzt nach Stralsund. Fragmente daraus erklangen als Glanerts Auftragskomposition „Ballàbili“ zum hundertjährigen Bestehen des Osnabrücker Symphonieorchesters 2019. Hans-Ulrich Treichel schuf frei nach Theodor Fontanes Romanfragment „Oceane von Parceval“ über das romantische Nixen-Motiv ein „Sommerstück“ über den Untergang des langen 19. Jahrhunderts und eine rätselhafte Unbekannte.

Detlev Glanert, »Oceane« am Theater Vorpommern mit Kadi Jürgens, Alexandru Constantinescu und Opernchor. Foto: Peter van Heesen
Die sensitive Instrumentation des Henze-Schülers Glanert dauert bis zu Oceanes epiloghaftem Brief an ihren Liebhaber Martin von Dircksen, der zu sehr in normativen Beziehungsmustern denkt. Die aus dem Off gesungenen Zeilen klagen an: Wenn Projektionsutopien real werden und bürgerliche Grundfesten erschüttern, ist Mann oder Frau aussichtslos überfordert. Knapp zwei Stunden dauert der Zweiakter vor einem marodierenden Ostsee-Hotel, dessen Verfall die frankophile Besitzerin Madame Louise (erst elegisch, dann gefasst: Kadi Jürgens) nicht aufhält und deshalb mit Champagner für alle besiegelt. Die Situation eskaliert. Thomas Rettensteiner als Pastor Baltzer beschwört Tiraden des „gesunden Volksempfindens“ gegen Oceane, die mit ihrer Körperlichkeit müde Konventionen sprengt. Fassungslos sind nicht nur Sotiris Charalampous als betörend singender und sensibel gestaltender Martin von Dircksen und Yuko Kakuta als plärrig extrovertierte Gesellschafterin Kristina. Poetisch wirken die Drehbühne mit der dunklen Hotel-Fastruine (Ausstattung: Andreas Wilkens) und die turmhoch aufrauschenden Meereswellen (Video: Eva Humburg). Das Geldbürgertum tanzt für seine Verhältnisse ziemlich hemmungslos (Choreographie: Stefano Fossat). Es stürmt in Rettungswesten zur letzten Fähre des Sommers und begräbt die verhasste Oceane unter weißen Pelzmänteln. Das gerät zum Menetekel des Ressourcenmissbrauchs und einer Klimakatastrophe, zu der bereits um 1900 erste literarische Warnsignale ertönten..
Der von Jörg Pitschmann sicher einstudierte Opernchor des Theaters Vorpommern gibt den dumpfen Lemuren eine dezent vorgestrige Eleganz. Die kollektive Enthemmung zum Haberfeldtreiben gegen Oceane folgt. Es ist eine wohlsituierte, aber keine mondäne, eher ansatzweise schäbige Gesellschaft, der immer wieder das Allzu-Menschliche aus der schön gehaltenen Fassade bleckt. Am Ende wird die Drehbühne als Studio erkennbar. Oceane demaskiert sich erhobenen Hauptes. Sie streift die Rollen der Sündenziege und Störenfriedin ab. Jetzt sind alle weg – auch Martins grotesker Freund Felgentreu (Maciej Kozłowski) und der Hausdiener Schorsch (Alexandru Constantinescu), der Madame Louise
erfolglos ins wirtschaftliche Gewissen predigt. Jan-Richard Kehl packte das an lapidaren Aphorismen reiche Libretto Treichels häufiger beim konkreten Wort als beim spekulativen Symbol- und Metaphernwert. Er kennt die Atmosphären Fontanes. Auch macht es ihm Freude, die Titelfigur zu entätherisieren und als Fleisch gewordene Figur kollektiver Ängste vor dem Körperlichen einzuführen. Das führt zu Kontrastschärfen, die heute – anders als 1900 – verstören könnten. Kehl erzeugte im Stralsunder Jugendstil-Theaterraum packende Spannungskontraste zur Magie aus dem Philharmonischem Orchester Vorpommern, den beiden Harfen an der Bühnenseite und mindestens einer betörenden Violine als Bühnenmusik. Dirigent Florian Csizmadia setzt auf Transparenz und gleichzeitige Fülle, ermöglicht dem höchst eindrucksvollen Ensemble die äußerst wichtige Textverständlichkeit und auch reichliche Expansionen in Glanerts melodischen Gebilden.
Antje Bornemeier singt die Titelpartie mit vitaler Gesundheit, klarer Kondition, voller Kraft und gestischem Selbstbewusstsein. Die Prachtfrau mit temporärer Verzagtheit und Borderline-Anwandlungen wird sich nur deshalb selbst zum Problem, weil sie nicht im Gleichsinn mit der elitär auftrumpfenden, dabei ziemlich bornierten Masse tickt. Oceane bewegt sich bei Kehl zwischen Realsatire, Sexualeklat und Außenseiterinnen-Dramolett. Das Publikum applaudierte hingebungsvoll für eine starke Aufführung.
Roland H. Dippel |