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Gamechanger ohne Spitzentanz
Goyo Monteros Neuerfindung „Schwanensee. Rotbarts Geschichte“ in Hannover

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Gamechanger ohne Spitzentanz

Goyo Monteros Neuerfindung „Schwanensee. Rotbarts Geschichte“ in Hannover

Besser geht es nicht. Alle Vorstellungen sind ausverkauft, noch bevor sich der Vorhang zum ersten Mal für diesen emotional-finsteren Tanzabend hebt. Dabei verweist schon der Titel „Schwanensee. Rotbarts Geschichte“ auf Goyo Monteros inhaltlich radikales Umkrempeln des zu Tschaikowskys legendärer Ballettmusik bereits häufig mit unterschiedlichsten Schwerpunktverschiebungen choreografisch neu erzählten Märchenstoffs. Niemand zuvor jedoch hat die Nebenfigur des Bösewichts, der im überlieferten Plot die in Schwäne verwandelten Mädchen bewacht und Prinz Siegfried bekämpft, als Hauptprotagonisten ins Zentrum gerückt.

Montero tut genau dies. Seine „Schwanensee“-Adaption ist keine Überschreibung. Sie bedeutet thematisch eine Neuerfindung, die den Kampf zwischen Gut und Böse sowie Pflicht, Liebe, Rache und Schuld als die Handlung vorantreibenden Grund- und Kernmotive allein auf Rotbarts tragische Entwicklung überträgt – mit hierzu notwendigen Strichen in der für komplett andere Lesarten offenen Partitur.

Goyo Montero, „Schwanensee. Rotbarts Geschichte“ mit Jay Ariës und dem Staatsballett Hannover. Foto: Jesus Vallinas

Goyo Montero, „Schwanensee. Rotbarts Geschichte“ mit Jay Ariës und dem Staatsballett Hannover. Foto: Jesus Vallinas

Montero wagt die Erzählung einer psychologisch begründeten Vorgeschichte Rotbarts. Dazu verlassen er und sein Ausstatter-Team die Pfade der ursprünglich romantischen Stimmung. Das Publikum wird auf eine Reise in eine dystopische Vergangenheit geschickt, in der Gewalt und Grausamkeit – auch wider die Natur – offenbar seit Generationen vorherrschen und fremdartige, als kollektiver Organismus agierende Wesen mit Flügelansätzen an der Brust und schnabelgleicher Verhornung am Hinterkopf die Seenlandschaft bevölkern.

Rotbart (Jay Ariës) ist ein traumatisierter Königssohn, der als Kind den Mord des Vaters an der Mutter (Carl und Diana van Godtsenhoven) mit ansehen musste. Zwei tänzerisch explosive Narren (Nicolás Alcázar Sánchez, Edward Nunes) mit hellem beziehungsweise schmutzig grauem Kostüm begleiten, triggern, unterhalten ihn. Auf trinkfreudige Zeiten im Kreis einer Clique von Mitstudenten folgt deprimierende Ernüchterung. Gegen seinen Willen muss Rotbart dann selbst den Thron besteigen. Er flüchtet sich – schön filmisch visualisiert – ins Ertrinken. Rettung bringt der weiße Schwan (Antoine Charbonneau).

Doch das Glück inmitten der wogenden Masse Schwanenartiger währt nur kurz. Eingeholt von seiner Entourage vernichtet Rotbart, was er gerade zu lieben gelernt hat, statt sich gegen Konvention, Intoleranz und Verbot aufzulehnen. Er fügt sich und erstickt nach und nach alles Gute in sich, um zu überleben. Folge seines Schwanengemetzels ist die Geburt eines schwarzen Schwans (Alisa Uzunova) mit nur einer Mission: sich an Rotbart zu rächen und diesen in jenes tierische Unwesen zu verwandeln, auf das der junge Prinz Siegried in der finalen Szene stößt. Da hängen dann Schwäne an Seilen, die das Gewässer symbolisieren.

Im November 2025 feierte Goyo Montero mit „Goldberg“ einen sensationellen Einstand als kreierender Ballettchef des Staatsballett Hannover. Die Neueinstudierung des 2022 in Nürnberg uraufgeführten Stücks sowie die darin individuell hervortretenden Tänzerinnen und Tänzer schlugen in der niedersächsischen Landeshauptstadt auf Anhieb ein wie eine Bombe. In seiner ersten abendfüllenden Arbeit dort hat Goyo Montero nun alle Klischees, die man mit dem „Ballett aller Ballette“ in Verbindung bringen mag, über Bord geworfen: Spitzentanz, lineare Formationen von Tänzerinnen in Tutus, Odettes ikonische Zerbrechlichkeit und weiche Flugarmbewegungen, ausdrucksvolle Nationaltänze und Divertissements. Aus den vier kleinen Schwänen sind futuristische Roboterballerinen geworden. Verklärung nirgendwo.

Das Publikum lässt Montero in einem atmosphärisch starken, beweglichen Bühnenset aus Wand- oder Turmkonstruktionen teilhaben an Rotbarts schrecklicher Verwandlung in ein Monster, seinem Vergnügen am Wegsperren und Zerstören mythischer Geschöpfe wie einem Minotaurus, miteinander verwachsenen Zwillingen oder einem Einhorn. Die Verwandlung von Anakin Skywalker zu Darth Vader lässt grüßen. Schade nur, dass der großartige Jay Ariës im Verlauf des Stücks zu wenig Möglichkeiten bekommt, als Rotbart wirklich Profil zu entwickeln und Zustände innerer Zerrissenheit in Solopassagen deutlicher herauszuarbeiten.

Vesna Mlakar

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