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Berichte
Mit und ohne fliegendem Teppich
„Tamerlano“ bei den Händel-Festspielen am Badischen Staatstheater Karlsruhe
Barockoper heißt immer auch Bühnenzauber. Im 18. Jahrhundert wollte man im Theater nicht nur spektakuläre Stimmen hören, sondern auch die neuesten Bühneneffekte sehen. Bei der Eröffnung der 48. Internationalen Händel-Festspiele Karlsruhe lässt Regisseur Kobie van Rensburg in „Tamerlano“ Teppiche fliegen und Elefanten über die Bühne schreiten. Die Leinwand wird zum Bühnenbild, das Bluescreen-Verfahren zum Zauberkasten. Aber auf Dauer ermüden die digitalen Kunststückchen. Dem über vierstündigen Abend fehlt der szenische Fokus und die Unmittelbarkeit. Zum eigentlichen Zauberer wird der im Sitzen dirigierende René Jacobs. Was er mit dem Freiburger Barockorchester im Orchestergraben kreiert, ist weniger effektgetrieben als vielmehr vielschichtig und differenziert. Musikalisch erfährt man mehr vom Innenleben der Figuren als visuell – von Schmerz und Verzweiflung, von Annäherung und wachsender Distanz.

Georg Friedrich Händel, „Tamerlano“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe mit Alexander Chance, Thomas Walker, Statisterie des Badischen Staatstheaters und Freiburger Barockorchester. Foto: Felix Grünschloß
Für seine 1724 am King’s Theatre London uraufgeführte Oper „Tamerlano“ überarbeitete Georg Friedrich Händel die schon fertige Fassung wegen einer neuen Sängerbesetzung. Zudem dramatisierte er die Sterbeszene des vom Tatarenkönig Tamerlano gefangenen Sultans Bajazet. Ein Selbstmord auf der Bühne? Das war damals eine mutige Neuerung – wie auch das deutlich verschattete Lieto Fine und die vielen Accompagnato-Rezitative, die vom Orchester eine noch stärkere Dramatisierung verlangten. Am Badischen Staatstheater stehen drei Kameras auf der Bühne, der Boden ist mit Markierungen beklebt. Hier treten die Sängerinnen und Sänger im Kostüm auf und agieren miteinander und mit der Kamera. Ihre Videoaufnahmen werden auf die Leinwand im Hintergrund in ein historisches Ambiente in Schwarz-Weiß montiert. Der Palast mit seinen Kuppeln und Minaretten ist digital, und die Figuren auf der Bühne werden ein Teil davon.
Auch Texte werden auf der Leinwand eingeblendet und Gesichter in Nahaufnahme gezeigt. Da muss Alexander Chance als Andronico nur eine Augenbraue heben, um seiner Verwunderung über Asterias Verhalten Ausdruck zu verleihen. Wenn er mit seinem geschmeidigen Altus in der Arie „Più d’una tigre altero“ an einen Tiger denkt, erscheint dieser prompt mit fletschenden Zähnen. Ein Tisch auf der Bühne wird zur Grillstelle, und digitale Schmetterlinge landen auf der ausgestreckten Hand der zunächst verschmähten Prinzessin Irene (Kristina Hammarström). Das ist handwerklich präzise gemacht und sorgt auch für Lacher – eine echte szenische Deutung gelingt damit aber nicht, weil Kobie van Rensburg die Ebenen einfach übereinanderlegt.
Im Gegensatz dazu macht das Freiburger Barockorchester nicht immer das Gleiche, sondern verleiht jedem Rezitativ und jeder Arie eine besondere Farbe und spezielle Emotionalität. In der Continuogruppe um den souveränen Cellisten Stefan Mühleisen versammeln sich zwei Cembali, Orgel, Harfe und Laute. Die Instrumentation ist genau auf den geforderten Ausdruck abgestimmt. Auch die Streicher zeigen eine große Bandbreite zwischen sanftem Säuseln und kratzbürstigen Einwürfen. René Jacobs wählt organische Tempi, spannt klare Phrasierungsbögen, lässt Zeit zum Atmen und schafft atmosphärisch dichte Übergänge zwischen den Szenen. Christophe Dumaux macht mit seinem beweglichen Countertenor aus Tamerlano einen charmanten Despoten. Der Tenor Thomas Walker als Bajazet braucht ein paar Arien, um seinem Gesang und Spiel mehr Präsenz zu verleihen. Sopranistin Mari Eriksmoen ist eine berührende Asteria mit reichem Innenleben; Bariton Matthias Winckhler ein sonorer Leone; Kristina Hammarström stattet Irene mit dunklen Mezzotiefen und einer komischen Note aus.
Ganz am Ende nach dem Suizid Bajazets, den Thomas Walker mit Expressivität auflädt, schaltet Kobie van Rensburg das Video aus. Zur Arie „Padre amato, in me riposa“ geht Mari Eriksmoen zum Bühnenrand, um als Asteria mit vielen Farbnuancen den Tod des Vaters zu beweinen. Auf einmal entsteht direkte, ungebrochene Emotionalität, ganz ohne Großaufnahme und fliegenden Teppich.
Georg Rudiger |