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Kulturpolitik
Auf ein Wort mit…
„Menschen durch die Nähe der Musik treffen“
Die neue Chordirektorin der Staatsoper Hamburg Alice Meregaglia im Gespräch mit Tobias Könemann und Rainer Nonnenmann
Im oberitalienischen Tradate geboren, studierte Alice Meregaglia Klavier am Konservatorium in Venedig, Musikwissenschaft und Korrepetition in Mailand sowie Orchesterdirigat in Strasbourg. Von 2012 bis 2015 war sie Solorepetitorin an der Opéra national du Rhin in Strasbourg, anschließend Chordirektorin, Vocal Coach und Kapellmeisterin am Theater Bremen. 2023/24 wurde sie Chordirektorin mit Dirigierverpflichtung am Staatstheater Darmstadt. Seit der Spielzeit 2025/2026 ist sie Chordirektorin des Chors der Hamburgischen Staatsoper. Gastengagements führten sie unter anderem zu den Bregenzer Festspielen und an die Elbphilharmonie Hamburg. Im Jubiläumsjahr 2026 ist sie als Chorassistentin bei den Bayreuther Festspielen engagiert. Alice Meregaglia arbeitet auch als Korrepetitorin bei zahlreichen Meisterkursen und unterrichtet Rezitativgestaltung und Singen in Italienisch an der Hochschule Bremen.
Oper & Tanz: Liebe Frau Meregaglia, gleich vorab eine ebenso persönliche wie berufsspezifische Frage: Als Chordirektorin ist es Ihre Aufgabe, Chorpartien einzustudieren. Die Aufführungen dirigieren dann aber andere. Ist es nicht frustrierend, die Ergebnisse der eigenen Arbeit anderen zu überlassen?

Alice Meregaglia. Foto: Jean-Marc Angelini
Alice Meregaglia: Frustrierend finde ich es nicht, weil ich immer im Dialog mit der musikalischen Leitung bin und ich bin auch dafür, dass wir als Chor immer in Bewegung bleiben. Wir erarbeiten im Chorsaal eine sehr bewusste Interpretation: wenn daran etwas zu ändern ist, sind wir bereit und offen dafür. Bei einer Einstudierung bleibe ich nie „neutral“: Die Musik lädt uns immer dazu ein, zu kreieren, zu suchen und auszuprobieren. Meine große Leidenschaft ist das Studieren – das tägliche Studieren von Partituren – und die Freude und Ehre, dieses Wissen mit anderen teilen zu dürfen.
O&T: Eine Opernpartitur besteht ja nicht nur aus Noten, sondern auch aus Rollen und szenischen Anweisungen. Inwiefern ist das für die musikalische Einstudierung wichtig?
Meregaglia: Die szenischen Anweisungen sind oft wie Eisenbahnschienen, die die musikalischen Ideen orientieren und begründen. Am Anfang der Produktionen treffe ich oft die Dirigenten. Ich kommuniziere ihnen meine Prioritäten und frage nach Ihren Wünschen. Wenn die Dirigenten mit klaren Vorstellungen kommen und diese mit meinen koordinieren, finden wir alle das schönste Glück und die schönste Musik, denke ich.
O&T: Und dann kommt wieder jemand anderes für die Regie und hat wieder ganz andere Ideen für den Chor. Beim letzten Gespräch AUF EIN WORT MIT … den Leitern des Masterstudiengangs Musiktheater/Operngesang der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München („Oper & Tanz“ Heft 1/2026) beklagte Balázs Kovalik, dass die Regie in der Regel viel zu wenig Zeit bekommt, um mit Opernchören sinnvoll szenisch arbeiten zu können, so dass oft nur dagestanden und gesungen wird. Wie sehen Sie als Chordirektorin dieses Dilemma?
Meregaglia: Für Premieren gibt es, so mein Eindruck, zumindest in Hamburg ausreichend Zeit für die Regie, mit dem Chor zu arbeiten. Manche Regisseure stellen von Beginn an eine deutliche Idee vor und wissen genau, wie sie agieren. Andere kommen und möchten mit den Gegebenheiten vor Ort langsam ein Konzept entwickeln. Alles ist möglich, aber da stellt sich für mich immer die Frage, wo die Grenze verläuft: wo ist es noch Freiheit und Gestaltung, aus der etwas Gutes entstehen kann, und wo ist jemand einfach nicht ausreichend vorbereitet, um die Zeit optimal zu nutzen. Der Chor ist wie ein Schwamm; es ist unglaublich, wie er alles aufnehmen kann – er muss nur inspiriert und ermuntert werden.
O&T: Mit welcher Produktion hatten Sie es in Ihrer ersten Spielzeit in Hamburg zu tun?
Meregaglia: Angefangen haben wir mit Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“, das war die erste Begegnung mit meinem neuen Chor und auch eine so tolle Zusammenarbeit mit dem GMD Omer Meir Wellber und dem neuen Intendanten Tobias Kratzer, der die Regie geführt hat. Ich liebe die Klavier- und Kammermusik von Schumann und es war unglaublich schön, sein selten aufgeführtes romantisches Oratorium vorzubereiten und zu genießen.
O&T: War auch der Chor von Schumanns Musik begeistert?
Meregaglia: Wow, der Chor war sehr begeistert! Die Chorarbeit war wunderschön, und Tobias Kratzer hat uns auch szenisch sehr aktiv involviert. Das war eine wertvolle Begegnung und Bewegung für uns alle. Weiter ging es für uns dann mit der zweiten Premiere „Ruslan und Ljudmila“, außerdem Wiederaufnahmen von „Così fan tutte“, „Falstaff“, „La Traviata“, „L’elisir d’amore“, „Tosca“, „Die Zauberflöte“, „Der fliegende Holländer“, „Pique Dame“, „Maria Stuarda“, bella, bellissima musica! Heute Vormittag hatten wir gerade unsere erste szenische Probe zu „Lohengrin“, morgen „Il Trovatore“ und dann sind wir auch schon mitten in der Vorbereitung unserer nächsten Premiere „Die große Stille“, ein Musiktheaterprojekt, das aus verschiedenen weniger bekannten Mozart-Werken zusammengesellt wurde. Und dann hatten wir auch noch die Uraufführung von „Monster´s Paradise“, bei der wir aber nur mit einer Aufnahme vertreten waren.
O&T: Bei dieser „Trump-Farce“ des Wiener Künstlerinnenduos Olga Neuwirth und Elfride Jelinek wurden die Chorpartien nur über Lautsprecher zugespielt. Warum?
Meregaglia: Schon vor einem Jahr, als sich diese Uraufführung für Hamburg abzeichnete, war klar, dass unser Dienstplan so voll sein würde, dass ich gesagt habe, der Chor kann gerne teilnehmen, aber nicht szenisch involviert sein. Als die Chormusik komponiert war, wurde sie einstudiert und aufgenommen und dann bei der Aufführung an den entsprechenden Stellen zugespielt. Wir haben in dieser Spielzeit 19 Produktionen und wir müssen darauf achten, dass die Sängerinnen und Sänger dabei auch gesund bleiben. Das Motto „mehr Qualität als Quantität“ liegt mir sehr am Herzen.
O&T: Das berührt schon das Thema von Gesundheit, stimmlich, körperlich, psychisch, zu dem wir gleich kommen. Aber zuerst noch zurückgefragt: Ist es eine bewusste Entscheidung der neuen Intendanz, „nur“ 19 Produktionen zu zeigen, oder ist das der ersten Spielzeit des neuen Teams geschuldet, und in den kommenden Spielzeiten wird es dann wieder mehr Produktionen geben?

Robert Schumann, „Das Paradies und die Peri“ mit Vera Lotte Boecker, Lunga Eric Hallam, Kai Kluge und dem Chor der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus
Meregaglia: Bislang gab es in Hamburg mehr als 30 Produktionen; mit den nun geplanten 19 Produktionen ergibt sich eine ganz andere Balance. Das ist eine sehr bewusste, und für mich richtige und weise Entscheidung der neuen Intendanz und wird auch in der kommenden Spielzeit 2026/27 so weitergehen. Generell bin auch ich immer dafür, weniger Produktionen mit mehr Probenzeit zu planen.
O&T: Wie ausgeprägt ist im Hamburger Opernchor die Lust und Fähigkeit, szenisch zu agieren?
Meregaglia: Sie lieben es, szenisch zu agieren, und mit mehreren Produktionen haben sie es deutlich gezeigt. Das ist nicht immer leicht: die entscheidende Frage ist, wieviel Zeit und Energie man hat, um das auch genießen zu können. Neulich habe ich meinen Chorvorstand gefragt, ob er glücklich ist, und er hat ja gesagt, er fühlt sich geehrt, zu singen und mit dieser Arbeit sein Geld zu verdienen. Aber wenn die Produktionen zu dicht liegen, dann gibt es selbstverständlich Stress. Die menschlichen Fähigkeiten sind endlich. Deswegen ist Entlastung immer ein großes Thema. Und dafür wird der Chor dann auch manchmal für zwei verschiedene Produktionen geteilt. In der Oper sollen wir erleben und nicht überleben!
O&T: Was tragen Sie dazu bei, dass die Chormitglieder „glücklich“ zur Probe und Vorstellung kommen? Was tun Sie und die Hamburgische Staatsoper für Stimmbildung, körperliche Gesundheit, psychologische Betreuung, Moderation des großen Kollektivs und der auftretenden Konflikte?
Meregaglia: Mitspüren und Kommunizieren! Ein empathischer Aspekt ist, dass ich versuche, zu spüren, was auch die Chormitglieder spüren, um herauszufinden, was ich besser machen oder anders planen kann. Und das zweite ist, zu fragen, was das Problem ist und dann über all das zu sprechen. Eine Beziehung auf Vertrauensbasis ist das Fundament einer tiefen, freien und berührenden Musik.
O&T: Ein Chor ist ja keine homogene Menge, sondern besteht aus vielen Individuen mit sehr verschiedenen Hintergründen, Erfahrungen, physischen und psychischen Verfassungen, auch unterschiedlicher Motivation. Vielleicht gibt es ein Drittel an Mitgliedern, die voll bei der Sache sind und Höchstleistungen erbringen wollen, ein zweites Drittel, das willig ist und aber motiviert werden muss, und ein drittes Drittel, das lustlos ist und sich passiv oder offen ablehnend verhält. Wie gehen Sie mit einem solch heterogenen Gefüge um?
Meregaglia: Mh, zum Beispiel: Was soll ein Hirte tun, wenn zwei oder drei der Schafe davonlaufen? Soll er diesen nachgehen und dafür die Herde alleine zurücklassen? Oder soll er diese verlassen und mit der Herde bleiben? Beide Entscheidungen wären wirkungslos. Ich möchte alle Menschen erreichen und allen eine gemeinsame Decke bieten, auch Gesten anbieten, die jeden einbeziehen und zum Mitmachen einladen. Mir ist niemand egal, ich muss und möchte alle mitnehmen. Ich werde es sicher nicht immer schaffen, aber ich werde es sicher immer versuchen. „Der Wind hört nicht auf zu blasen, auch wenn er die Berge trifft …“
O&T: Haben Sie gelernt, ein Kollektiv zu leiten? Oder ist das Persönlichkeit, Temperament, natürliche Autorität, Charisma? Gewinnt man diese Fähigkeit durch zunehmende Erfahrung?
Meregaglia: Die Kommunikation mit Menschen ist für mich ein echtes Bedürfnis. Natürlich haben meine Erfahrungen diese Fähigkeit geformt, doch zunächst möchte ich mich bei meinen „mamma e papà“ bedanken – für die menschlich wertvollen Werte, die sie mir vermittelt haben.
O&T: Müssten bei der Ausbildung von Dirigierenden nicht stärker psychologische Momente mitberücksichtigt werden? Ich nehme an, Sie wurden hochkarätig musikalisch ausgebildet. Aber wurden Sie auch darauf vorbereitet, eine Führungsrolle gegenüber einem großen Kollektiv zu übernehmen?
Meregaglia: Nein, ich habe diesbezüglich keine besondere Ausbildung. Dass ich Menschen sozusagen „umarmen“ möchte, hat sich für mich ganz natürlich ergeben, und das habe ich im Umgang mit meinen wunderbaren Chören immer gespürt, die ich in Bremen, Darmstadt und jetzt in Hamburg geleitet habe.
O&T: Sie haben sich vermutlich aufgrund persönlicher Dispositionen entschieden, nicht Chorsängerin zu werden, sondern Chorleiterin, was gewisse soziale Kompetenzen voraussetzt.
Meregaglia: In meiner Generation war es so, dass die Leitungsfunktion entweder in der Natur eines Menschen lag oder nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass man heute an Hochschulen gezielter auf Leitungsfunktionen vorbereitet wird.
O&T: Seitens der Gewerkschaft VdO erleben wir häufig, dass es in Chören und Ensembles Konflikte gibt, nicht nur momentane, sondern oft sehr tief eingefleischte Konflikte zwischen Chordirigat und Chören. Liegt das Ihrer Meinung nach an mangelndem Talent oder mangelnder Ausbildung der Chordirektoren?

Michail Glinka, „Ruslan und Ljudmila“ mit dem Chor der Hamburgischen Staatsoper. Foto: Matthias Baus
Meregaglia: Intuitiv würde ich sagen, dass es vor allem am Talent liegt. Es gibt sympathische Menschen, bei denen es funktioniert, und es gibt absolut perfekt vorbereitete Menschen, bei denen es gar nicht funktioniert. Ich selbst arbeite auch als Orchesterdirektorin und der Unterschied zum Chordirigat ist mir sehr wichtig. Ich fühle mich als Chordirektorin wohler, weil ich näher an der Seele der Menschen bin. Das ist meine Prädisposition. Beim Chor spüre ich eine Liebe, die fließt, und ich fühle mich da zu Hause, auch weil ich diese Menschen viel öfter und länger sehe, und sie mich umgekehrt auch, viel länger als die Familien, die wir zu Hause haben. Wir treffen uns täglich, vormittags und abends, und bauen dabei menschliche Wurzeln auf. Ein Chor ist wie eine große Familie. Ein Orchesterdirigent dagegen geht und der nächste kommt. Auch schön, aber anders.
O&T: In einer Familie gibt es aber erziehungsberechtigte Eltern und Kinder. Kommt da nicht auch Autorität dazu? Welche Rolle haben Sie in dieser „großen Familie“?
Meregaglia: Ich habe eine inspirierende Rolle, die nicht zu nah und nicht zu weit weg von den Chormitgliedern sein darf. Ich kann weit weg sein, und doch erreichbar; ich kann ganz nah sein, und doch unangreifbar. Nähe ist die Voraussetzung zum Aufbau von Vertrauen. Aber bei aller Nähe ist mir die Distanz auch extrem wichtig, denn sie gibt mir die Freiheit, auch schwierige Entscheidungen zu treffen, und sie gibt auch dem Chor die Freiheit, sich unabhängig von mir zu bewegen. Meine Position als Chordirektorin muss äquidistant sein, offen, weit, nah. Ich versuche, eine sehr besondere musikalische Qualität durch Vertrauen, Aufmerksamkeit und Professionalität zu entwickeln. Und daran wird die Freude immer mehr wachsen. Ich versuche, die Menschen durch die Nähe der Musik zu treffen. Auch deswegen habe ich ab der nächsten Spielzeit den Konzertzyklus „Dalle due alle tre“ entwickelt. Einmal im Monat, an einem Freitag von 14 bis 15 Uhr – also „dalle due alle tre“, wie es im „Falstaff“ heißt – werden die Mitglieder des Chors in Solo- und Kammerkonzerten auftreten, mit mir am Klavier als Begleitung, um noch mehr Freiheit in der Musik und in der Oper zu spüren. Ich möchte mit den Mitgliedern des Chors die Musik in vielen verschiedenen Formen teilen und freue mich schon sehr auf diese neue Begegnung.
O&T: Sie haben an den Theatern in Strasbourg, Bremen, Darmstadt und nun Hamburg gearbeitet. Wie stark unterscheiden sich dort die Chöre hinsichtlich Qualität, Motivation, Selbstverständnis, Kollegialität?
Meregaglia: In jedem Chor, zu dem ich gekommen bin, gab es eine besondere Atmosphäre. Und wenn ich als Chordirektorin in einer bestimmten Farbe leuchte, dann strahlt diese auch irgendwann aus dem Chor zurück. Als Chordirektorin bin ich in Bremen „geboren“, in Darmstadt „gewachsen“ und in Hamburg „gelandet“: kein Vergleichen, nur Liebe und Dankbarkeit für die wunderbaren Menschen, die ich treffe und getroffen habe!
O&T: Gibt es bei Chören ähnliche musikalische Unterschiede wie etwa bei Orchestern, etwa zwischen dem Klang der Berliner Philharmoniker und dem Klang der Wiener Philharmonikern, und zwar ungeachtet der Dirigenten?
Meregaglia: Sì, naturalmente, und es gibt auch verschiedene mögliche Klänge. Ich habe sehr klare Klangvorstellungen, auch davon, wie ich das erreichen kann. Ich mag einen Klang voll Glanz, brillant, rund und flexibel, einen Chor, bei dem die Stimmen sich setzen und die Töne richtig auf der Luft schwingen, wo nicht extra mit dem Hals artikuliert und die Verständlichkeit des Textes nicht durch Druck erzielt wird, sondern durch das Durchsingen der Konsonanten. Ich mag einen Klang, der frei ist, wenn die Stimmen offen bleiben. Und dieses Klangideal habe ich immer versucht und mit Arbeit, Geduld und Zeit fast immer erreicht.
O&T: Wie gehen Sie dabei vor? Arbeiten Sie Ihr Klangideal anhand bestimmter Partien heraus oder machen Sie auch grundlegende Übungen mit den Sängerinnen und Sängern, wie geatmet, gesungen, artikuliert wird?
Meregaglia: Ich arbeite sehr konkret an bestimmten Stellen, mache aber auch manchmal spezielle Übungen, um unsere Ausdrucksmöglichkeiten zu bereichern.
O&T: Der neue Hamburger GMD Omer Meir Wellber gibt bei zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten neue Stücke in Auftrag, die dann einzelne Sätze klassischer Sinfonien oder romantischer Instrumentalkonzerte ersetzen. Er will so das historische Repertoire mit Musik unserer Gegenwart konfrontieren. Sind Sie mit dem Chor auch in ein solches Projekt einbezogen?
Meregaglia: In einem symphonischen Konzert ist das leider noch nicht geschehen, aber es wird bald passieren, hoffe ich. Der Chor wirkt aber bei „Die große Stille“ mit, nicht mit neuen zeitgenössischen Werken, aber doch mit einigen besonderen Konzept-Effekten. Und schon jetzt haben wir in jeder Spielzeit die Uraufführung einer zeitgenössischen Oper. Der Chor und ich sind offen für Neues. Wir brauchen aber immer die Balance zwischen dem Neuen und dem „Alten“.
O&T: Genau das ist ja auch ein Charakteristikum der Hamburgischen Staatsoper, das die neue Intendanz auch fortführen möchte. – Jetzt noch eine ganz pragmatische Frage: Wie zufrieden sind Sie und der Chor mit den Räumlichkeiten, die an der Hamburgischen Staatsoper für Proben, Einsingen, Umkleiden und Pausen zur Verfügung stehen? Wie sehen Sie dem in Hamburg geplanten Opernneubau entgegen?
Meregaglia: Ich finde die Räume gut, ich spüre persönlich da kein dringliches Bedürfnis. Das einzige, was ich persönlich verbessern würde, ist die Luft im Chorsaal. Wir haben dort keine richtigen Fenster und nur ein eigentümliches Lüftungssystem. Ich würde mich einfach freuen, einmal die Fenster aufmachen zu können und frische Luft zu tanken, denn frische Luft heißt auch neue Gedanken, neue Energie. Das würde ich mir für uns im neuen Opernhaus wünschen: mehr frische Luft während der Proben! Und wenn wir durch die Fenster ab und zu ein Schiff auf der Elbe sehen, ist es auch nicht schlecht ;-)
O&T: Welche Aufgabe übernehmen Sie dieses Jahr bei den Bayreuther Festspielen?
Meregaglia: Ich werde in Bayreuth Chorassistentin sein: spielen für den Chordirektor Thomas Eitler, selbst geteilte Proben leiten, mitdirigieren während der Vorstellungen … Ich bin gespannt.
O&T: Bisher kannten Sie den Bayreuther Festspielchor noch nicht?
Meregaglia: Nein, ich habe den Chor nie persönlich erlebt, kenne ihn nur von Aufnahmen, und habe mich natürlich über die Situation des Festspielchors der letzten Jahre informiert.
O&T: Das hat in Bayreuth zwei Aspekte, einen quantitativen und einen qualitativen. Zum einen die drastische Reduktion der Chormitglieder, so dass die Lautstärke auch durch Anspannung erzeugt werden musste, was man hören konnte. Und es haben auch viele ältere Mitglieder den Chor verlassen, die aufeinander eingesungen waren und den Klang über Jahre geprägt haben, so dass man jetzt hören muss, ob es noch einen homogenen Chorklang gibt. – Noch eine letzte Frage: Können Sie uns etwas über Ihre bisherigen Erfahrungen mit der Umsetzung der neuen Regelungen des sogenannten „kleinen Pakets“ im NV Bühne berichten, die den Künstler:innen seit September letzten Jahres eine bessere Planbarkeit versprechen, den Disponent:innen jedoch eine sehr viel sorgfältigere und zuverlässigere Probenplanung abverlangen?
Meregaglia: Oh, eine sehr deutsche Frage :-). Die Umsetzung der neuen Regelungen ist natürlich ein wichtiges Thema und bis jetzt konnten wir einige Kompromisse vorschlagen, um von der Transition abweichen zu können. Die Frage stellt sich natürlich: Wie wird sich der Betrieb mit all den neuen Regelungen weiterentwickeln? Bleiben die Produktionen bestehen, und reduziert sich die Arbeitszeit? Werden wir künftig weniger Produktionen anbieten? Ich habe im Moment deutlich mehr Fragen als Antworten.
O&T: Haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch. |