|
Berichte
Eine lohnende Entdeckung
Szenische Gesamturaufführung von Elfrida Andrées „Die Fritjof-Saga“ in Essen
Das Fazit gleich vorweg: Alles in allem ist Elfrida Andrées Oper zwar kein „Gamechanger“, aber dennoch eine gewichtige Entdeckung, für die sich ein Opernbesuch unbedingt lohnt. Man erlebt ein ebenso musik- wie literaturhistorisch bemerkenswertes Werk, das die schwedische Komponistin auf dem Weg zu einer etablierten Tonschöpferin zeigt. Elfrida Andrée (1841–1929) war ihrer Zeit in gleich mehrfacher Hinsicht weit voraus, als erste Domorganistin ebenso wie als ausgebildete Telegraphistin. Sie präsentiert sich musikalisch am Puls ihrer Epoche, verbunden mit einem klaren Willen zu individueller Gestaltung. Am Aalto Theater Essen ist die szenische Realisierung durchaus stimmig geraten, und auch die musikalische Seite überzeugt überwiegend.
Nordische Mythologie
Die Geschichte nach einem Versepos von Esaias Tegnér wurzelt in der nordischen Mythologie, das Libretto stammt von keiner Geringeren als Selma Lagerlöf, die 1909 als erste Frau den Nobelpreis für Literatur erhielt. Mit der Komponistin hat sie intensiv um die Ausgestaltung des Stoffs gerungen. Herausgekommen ist eine etwas andere Nordland-Saga, erzählt aus einer dezidiert weiblichen Perspektive, in der hohles Heldenpathos hinterfragt wird. Doch auch Andrée und Lagerlöf waren Kinder ihrer Zeit, eine feministische Oper ist„Die Fritjof-Saga“ nicht. Wenn man Werk, Handlung und Protagonisten ausschließlich unter diesem Aspekt betrachtet, wäre das eine verfälschende Perspektive.

Elfrida Andrée, „Die Fritjof-Saga“ mit Deirdre Angenent (Guatemi) und Ann-Kathrin Niemczyk (Ingeborg) im Vordergrund und dahinter Almerija Delic (eine alte Frau), Elena Sverdiolait (zweite Frau), Idil Kutay (dritte Frau), Liliana de Sousa (erste Frau) und Damenchor des Aalto-Theaters Essen. Foto: Matthias Jung
Der titelgebende Held Fritjof ist seit Kindestagen in Ingeborg verliebt, die Schwester des Königs Helge, doch als Nichtadliger kommt er als Ehemann für sie nicht infrage. Helge schickt ihn auf Eroberungstour und legt gleich darauf seinen Besitz in Asche. Als strategisches Zeichen des Friedens vermählt er Ingeborg mit dem verfeindeten König Ring. Im Bewusstsein staatlicher Notwendigkeiten willigt diese ein, obwohl sie Fritjof ewige Treue gelobt hat. Auch als der zu einem Freibeuter gewordene Fritjof sie entführen will, bleibt sie standhaft. Erst nach dem Tod König Rings findet die ersehnte Vereinigung statt: Auf dem Sterbebett segnet der König das Paar und überträgt Fritjof die Herrschaft.
Gestraffte Handlung
Gegenüber der ursprünglichen Dichtung ist die Handlung deutlich gestrafft. So tritt der Titelheld erst im zweiten Akt auf den Plan, während das Bühnengeschehen über weite Strecken von den weiblichen Figuren vorangetrieben wird. Natürlich geht es um Machtspiele und Intrigen, um unerfüllte Liebe und um Ziele, die weit außerhalb der eigenen Reichweite liegen. Doch schon allein die Tatsache, dass Ingeborg sich aus rationalen Gründen gegen ihn und für den königlichen Ehemann entscheidet, macht deutlich: Die weibliche Sicht ist hier eine andere, rationalere.
Andrées Oper war bislang nur in stark gekürzten, konzertanten Fassungen zu hören. Nun erlebt sie mit der Essener Produktion ein Happy End und reiht sich ein in die wachsende Reihe von Wiederentdeckungen weiblicher Komponistinnen, die viel zu lange durch strukturelle Benachteiligung und dunkle Flecken der Musikgeschichte in den Schatten gestellt wurden. Ob sich jedes wieder ans Licht geholte Stück als Schatz erweist, bleibt natürlich abzuwarten. Elfrida Andrée jedenfalls hatte zu Lebzeiten nie die Gelegenheit, ihre Oper vollständig auf der Bühne zu erleben. Vielleicht hätte sie an manchen Stellen noch einmal Hand angelegt, denn mitunter wirken die Gesangspartien recht sperrig und nicht immer ideal für die Stimme konzipiert. Dafür entfaltet das Orchester einen umso wohligeren Klang. Unter souveräner Leitung von Wolfram-Maria Märtig führen die ausgezeichnet disponierten Essener Philharmoniker sicher durch den Abend. Hymnische Anklänge, die an Mendelssohn erinnern, und schwungvolle Momente, die an Schumann denken lassen, blitzen immer wieder auf. Dennoch zeigte sich in vielen Details der klare Wille der schwedischen Komponistin zu einer eigenen Handschrift.
Für die Sängerinnen und Sänger ist das Werk nicht durchgehend dankbar. Vor allem die Partien Fritjofs und seiner zunächst unerreichbaren Geliebten Ingeborg sind mit einem enormen Ambitus ausgestattet und liegen stimmlich häufig unbequem. Das führt dazu, dass Mirko Roschkowski in der Höhe und Ann-Kathrin Niemczyk in der Tiefe zeitweise etwas angestrengt wirken. Dennoch sind beide hervorragend besetzt: Roschkowski, weil er mit seiner frisch wirkenden, ausgewogenen, lyrischen Stimme seinem ebenso leidenschaftlichen wie ungestümen Protagonisten ein glaubwürdiges Profil verleiht; und Niemczyk, weil ihr Sopran gleichermaßen vokale Wärme und eine angenehm strahlende Fülle besitzt.
Starke Darsteller
Auch Deirdre Angenent reiht sich als Guatemi nahtlos in die Reihe der starken Darsteller ein und erfüllt ihre Partie mit großer stimmlicher und darstellerischer Präsenz. Andreas Hermann war am Premierenabend zwar leicht indisponiert, verleiht dem heldenhaften König Ring aber dennoch ein kraftvolles Tenor-Timbre und gestaltet insbesondere die Sterbeszene im letzten Akt sehr überzeugend. Darüber hinaus ist Andrées „Fritjof-Saga“ in Essen bis in die kleineren Rollen hinein exzellent besetzt – etwa mit dem sonor klingenden Friedemann Röhlig als König Helge, Baurzhan Anderzhanov als Hilding, Petro Ostapenko als Björn oder Almerija Delic als alte Frau, deren üppiger Mezzo fast zu luxuriös für diese eher kleine Partie anmutet. Auch der von Bernhard Schneider einstudierte Chor trägt mit seiner vorzüglichen Leistung maßgeblich zum Gesamteindruck bei.
Schlüssige Rahmenhandlung
Anika Rutkofskys Inszenierung bettet das Geschehen in eine schlüssige Rahmenhandlung: Während der Ouvertüre erlebt man Ingeborg, die in einem Bunker die Geschichte Fritjofs erzählt – ein Ansatz, der plausibel wirkt und zugleich die weibliche Perspektive des Stücks unterstreicht. Diesen Fokus setzt Rutkofsky auch in der Personenführung konsequent um. Spektakuläre Effekte interessieren sie weniger als die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Figuren, aus denen sich die Geschichte entfaltet.
Das Bühnenbild von Frank Philipp Schlößmann bietet dafür den stimmigen Rahmen: Die mystische Aura des zweiten Akts entsteht mit Hilfe von Kerzen, Spiegeln und einer unheimlichen Waldstimmung, während im dritten Akt das herrschaftliche Ambiente der königlichen Burg eindrucksvoll ausgestaltet wird. Bente Rolandsdotters Kostüme greifen zeittypische Elemente auf, wirken insgesamt jedoch etwas weniger zeitlos als das szenische Konzept. Insgesamt versucht die Inszenierung nicht, krampfhaft aktuelle Bezüge herzustellen, sondern nimmt die Oper so, wie sie ist.
Das mögen manche naiv nennen, aber auch das hat seine Berechtigung. Und naiver als die Oper selbst ist auch die Inszenierung nicht.
Guido Krawinkel |