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Hintergrund
Räume für die Utopie
Ein Porträt des Dirigenten und Experten für Zeitgenössisches Titus Engel
Von Claudia Irle-Utsch
Hamburg, im Februar 2026. Die Monster sind los. Sie trampeln über die Erde, durch eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Es brennt an allen Ecken und Enden. Dem Universum droht der Wärmetod. Die Grundstimmung aber ist kalt. Hoffnung? Fehlanzeige! Es regiert das eklektische Kalkül eines aufgeblasenen Egozentrikers in einem weißen Haus. Nach ihm: ein urmeliges Urzeittier, das immerzu spielen will. Die Saat eines schrecklichen Sturms trägt Früchte. Der Pegel steigt, was bleibt, sind zwei Frauen, ein Flügel und Musik. Überlebende, vielleicht …

Titus Engel. Foto: Kaupo Kikkas
Aufsehenerregend, vielbeachtet, herausfordernd ist sie, die Oper „Monster’s Paradise“ der Komponistin Olga Neuwirth und der Schriftstellerin Elfriede Jelinek, die ihre Uraufführung an der Staatsoper Hamburg feierte. Ein Werk im Stil der Grand Guignol Opéra, vom Staatsoper-Intendanten Tobias Kratzer eingerichtet, das inhaltlich und musikalisch auf den Bruch setzt. Das Eden der Scheusale ist die Hölle für alles, was noch menschlich ist.
In einem Essay zum Stück schreibt der Dirigent Titus Engel, Neuwirths Musik mache die Verstimmung zum Prinzip. Die „permanente harmonische Schieflage“ ziehe sich durch sämtliche kompositorische Ebenen, sei „Spiegel einer entgleisten Welt“. Umso wichtiger: dass sämtliche Beteiligte in dieser Darstellung einer wahnwitzigen Eskalation auf Position sind, auch und vor allem der musikalische Leiter.
Ständige Neugierde
Titus Engel, 2020 vom Magazin „Opernwelt“ zum Dirigenten des Jahres gekürt, gilt als Top-Besetzung am Pult, gerade wenn es um zeitgenössische Werke von außerordentlich gegenwärtiger Relevanz geht. Er hat Freude daran, Neues zu entdecken und das Alte im Neuen. Er schätzt den Austausch mit Komponistinnen und Komponisten und teilt den eigenen Benefit gern: mit den Ausführenden, mit dem Publikum. „Meine Neugierde ist groß“, sagt er im Gespräch mit „Oper & Tanz“, und es ist zu spüren, dass seine offene, interessierte, verstehende Herangehensweise an Musik einen Funken entfachen kann, der überspringt.

Hans Abrahamsen, „The Snow Queen“ (Die Schneekönigin) mit Georg Zeppenfeld an der Semperoper Dresden im Dezember 2025. Foto: Mark Schulze Steinen
Titus Engel weiß um seine Verantwortung. Er vergleicht seine Tätigkeit mit jener des Piloten im Cockpit, der selbst bei heftigsten Turbulenzen „eine gewisse Ruhe“ ausstrahlt, fokussiert bleibt, Sicherheit gibt. Dazu braucht es eine Kraft, bei der sich handwerkliches Können mit künstlerischer Virtuosität verbindet und die sich auch aus dem Rückzug speist: in den Kreis der Familie („dort bin ich nicht der Dirigent“), aufs Wasser (zum Segeln), ans Klavier (etwa mit Bach) oder in die ganzheitliche Körperwahrnehmung (bei Feldenkrais). Mit „Monster’s Paradise“ schließt sich nach der Aufführungsserie in Hamburg für Engel in Zürich ein Kreis. Denn auch die Oper seiner Heimatstadt hat den Monster-Wahnsinn im Programm. In Zürich ist der 1975 geborene Titus Engel aufgewachsen, hier hat die Musik ihn gefunden.
„Meine Eltern waren durchaus kunst- und musikinteressiert. Aber besonders prägend war für mich die Schule“, erzählt er. Seine Matura machte er an einem humanistischen Gymnasium, das ein gutes musikalisches Angebot hatte: Orchester, Chor und Instrumentalunterricht zu günstigem Preis. Engel wurde Kontrabassist, spielte in unterschiedlichen Formationen („auch in meiner Jazzband“) und hatte beim Schulorchester sein erstes Dirigat. Das Zürcher Opernhaus lernte er über den Bariton Roland Hermann kennen. „Er wohnte im Haus unter der Wohnung unserer Familie. Er hat mich mit in die Oper genommen. Die erste, die ich dort gesehen habe, war ,Die Zauberflöte‘, mit Hermann als Sprecher.“ Engel erinnert sich auch an György Ligetis „Le Grand Macabre“ und John Cages „Europeras“. „Da waren Luftballons im Zuschauerraum.“
In Zürich begann Titus Engel, Musikwissenschaften und Philosophie zu studieren. Mitte der 1990er-Jahre wechselte er nach Berlin, wo er bis heute die (Welt-)Offenheit einer „unglaublich kreativen Stadt“ genießt. Die deutsche Hauptstadt ist für ihn und seine Frau, die Musikerin und Musikphysiologin Sophie Engel-Bansac, eine zweite Heimat.
Zum Dirigenten ist Engel in Dresden geworden. Prägend war – im Verbund mit Förderungen des Dirigentenforums des Deutschen Musikrats, dem Besuch der American Academy of Conducting at Aspen und mit Assistenzen – sein Studium bei Christian Kluttig. Prägend war in diesen Post-DDR-Zeiten auch die Erfahrung, zu sehen, wie eine vielfältige Orchesterlandschaft aus pekuniären Gründen ausgedünnt wurde. Die klassische Musikkultur ging in der Fläche verloren und damit auch essenziell Identitätsstiftendes. „Das hat auch etwas mit der Erosion einer Gesellschaft zu tun.“
Im Winter 2025/26 kehrte Engel nach Dresden zurück. Mit Hans Abrahamsens „The Snow Queen“ feierte er mit der Sächsischen Staatskapelle ein glänzendes Debüt an der Semperoper. Die Inszenierung von Immo Karaman entführte in eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit vielschichtig ineinandergriffen. Erzählt wurde auf der Basis von Andersens „Schneekönigin“ von einer Heranwachsenden, die über sich hinauswächst. Dem abgrundtief Bösen setzt sie Klugheit, Weitsicht und Liebe entgegen. Die berechnende Saat von Zwietracht und Ausgrenzung geht nicht weiter auf. Die hochkomplexe Musik war beim Hören vor allem das: wunderschön! Im allerbesten Sinne hatte hier ein ganzes Haus mit großer Leidenschaft etwas Feines geschaffen.
Gelingendes Miteinander
Für Titus Engel bietet Oper ein Modell für ein gelingendes Miteinander. „Ihre große Stärke ist das Zusammenkommen der verschiedenen Künste – Libretto, Musik, Schauspiel, Tanz, die bildnerischen Ebenen. Bei einer Produktion sind alle Abteilungen miteinander verzahnt; es gibt einen Abstimmungsprozess, der funktioniert. Und mit Regie und Dirigat gibt es zwei Leitungen, die gleichberechtigt agieren.“ Für ihn sei das angesichts eines Diskurses, „in dem gerade sehr polarisierend gesprochen und wenig kommuniziert wird, ein utopischer Moment für eine Gesellschaft“. Inhaltlich habe Oper, zumal die zeitgenössische, das Vermögen, Themen zu verhandeln, „die aktuell sind, die uns betreffen“. Sie schaffe Räume für Reflexion und Diskussion.
Engel beobachtet, dass das Publikum mitgeht. Wenn Oper zum Ereignis wird, wenn die Musik einen Pulsschlag hat. „Monster’s Paradise“ sei in Hamburg die bestverkaufte Uraufführungs-Reihe gewesen, „The Snow Queen“ in Dresden immer ausverkauft. Für Hans Werner Henzes „Das Floß der Medusa“ im Tempelhofer Hangar wurden im Herbst 2023 von der Komischen Oper Berlin Zusatzvorstellungen eingerichtet; und auch die den Stadtraum einbeziehende, monumentale Inszenierung von Olivier Messiaens „Saint François D’Assise“ an der Staatsoper Stuttgart war 2023 ein spektakulärer Erfolg. In Juni 2026 wird Engel im alten Wasserkraftwerk von Genf Frank Zappas „200 Motels“ dirigieren.
Im Ideal braucht es aus seiner Sicht beides: „Eine spannende Mischung aus neuen, aktuellen Produktionen und wichtigen Werken der Vergangenheit.“ Engel wünscht sich, dass man mit dem Kernrepertoire auch auf der musikalischen Seite „ein bisschen kreativer umgehen würde“. Wohlgemerkt, nicht um ein Stück zu „zerschreddern“, sondern um es gegenwärtiger wahrzunehmen.
In Berlin bietet sich für den Dirigenten ab der kommenden Spielzeit eine Chance, dieses Spannungsfeld auszuloten. Er wird als Conductor in Residence der Deutschen Oper in einem Dirigententeam das Profil des Hauses weiter schärfen. Innovativ und mit kenntnisreichem Respekt vor dem Gewordenen; sicher mit einem edukativen Engagement, das auf Beteiligung setzt.
Als „Brückenbauer zwischen Tradition und Avantgarde“ ist Titus Engel 2025 mit dem Schweizer Musikpreis ausgezeichnet worden. Als Principal Conductor der Basel Sinfonietta widmet er sich strikt der zeitgenössischen Musik nach 1950. Dabei betont er: „Erfahrung und Kraft schöpfe ich durch den klassischen Kanon.“ In vielerlei Hinsicht nährt sich sein Schaffen aus Beziehung.
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