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Zwischen Selbstfindung und -verlust
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Zwischen Selbstfindung und -verlust

Ur- und Erstaufführungen „AUGEN/BLICKE“ des Stuttgarter Ballett

In „Shut Eye“ von Sol León und Paul Lightfoot entfalten die Tanzenden rätselhaftes Eigenleben. Die Körper agieren puppen- und insektenhaft flink, mechanisch abrupt, motorisch betriebsam, mit wild aufgerissenen Augen und Mündern samt herausgestreckten Zungen und vereinzelten Stimmlauten. Die Figuren bauen sich auf, werden groß und raumgreifend. Doch plötzlich bleiben sie stecken, gefrieren zu Skulpturen und verdecken das Gesicht mit den Händen. Inmitten des schwarzen Bühnenraums sind sie plötzlich schwach und verletzlich wie verlorene Pierrots unter groß projiziertem Vollmond.

Sol León und Paul Lightfoot, „Shut Eye“ mit Mizuki Amemiya und Friedemann Vogel. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

Sol León und Paul Lightfoot, „Shut Eye“ mit Mizuki Amemiya und Friedemann Vogel. Foto: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

Die langgliedrige Mizuki Amemiya gewinnt die Grandezza und Eleganz einer Gottesanbeterin, um im nächsten Moment wie aus Angst vor der eigenen Schönheit und Sichtbarkeit einzuknicken und verzweifelt zu versuchen, sich in sich selbst zu verkriechen. Zwischen den Extremen von Selbstfindung und -verlust schwanken auch die Soli von Friedemann Vogel und Fabio Adorisio. Eben noch herrisch auftrumpfend, springend und wie zu Flügen ansetzend, werden sie plötzlich zu Boden gestreckt. Wie sich selbst suchen und verlieren die Körper sich auch gegenseitig, ertasten und verfehlen sich, fassen sich und stoßen sich ab, gehen getrennte Wege. Die traumhafte Atmosphäre wird tranceartig verstärkt durch laut zugespielte Streicher- und adaptierte Chopin-Klaviermusik von Ólafur Arnalds. Sanfte Geigenduette steigern sich zur rasenden Tarantella mit impulsiv geschlagenen und energetisch quietschenden Bögen. Hinzu kommen Tom Bevoorts Video- und Lichteffekte mit langsam ziehenden Nebelschwaden und schemenhaften menschlichen Konturen. Die Produktion des Nederlands Dans Theater von 2016 war jetzt als Erstaufführung mit dem Ballett Stuttgart zu erleben.

Die eigenwillige Körper- und Bewegungssprache ist nicht direkt emotionalisierend, aber gerade deswegen umso ergreifender, weil die sonderbaren Leerstellen und Zwischenräume als Projektionsflächen für eigene Gefühle, Sehnsüchte, Zustände und soziale Situationen wirken. Bis in jede Fuß- und Fingerspitze hinein gespannt agiert das exzellente Duo von Christopher Kunzelmann und der sagenhaften ersten Solistin Elisa Badenes.

Betitelt sind alle drei Choreografien wenig originell mit „AUGEN/BLICKE“, um die Flüchtigkeit des Tanzes in Zeit und Raum zu betonen. Statt längerer Abläufe und komplexer Formen sind es meist flüchtige Gesten und Körperhaltungen, die sich in Sekundenbruchteilen dauer­haft einprägen. Durch die Fokussierung auf einzelne Tanzende, Duos und Trios hinterlässt „Shut Eye“ stärkere Eindrücke als die mehr mit Gruppen arbeitende Uraufführung von Vittoria Girellis „Vermillion“. Die Choreografin ist seit 2016 Mitglied im Stuttgarter Corps de ballet und verantwortete neben den zinnoberroten Epauletten-Bodies zusammen mit Tom Visser auch das Bühnenbild.

Noch bevor sich der Vorhang hebt, schwillt das Orchester langsam zum vollen Tutti an, als nähere sich eine gewaltige Kraft bis zum Aufprall, mit dem der Klang dann schlagartig abreißt. Wie kurz vor oder nach der Kollision schweben vier Gesteinsbrocken über der Bühne, von denen der größte durch wechselnde Beleuchtung Züge eines Totenschädels oder Tierkopfes annimmt. Im Gravitationsfeld zwischen Erde und Asteroiden tappt das Ensemble mit tief gebeugten Rücken auf die Szene. Zum elektronisch leicht verfremdeten „Allegretto“ von Beethovens 7. Symphonie werden die Körper magisch hochgezogen und fallen wieder zurück. Nach dem apokalyptischen Kometensturz scheinen die wenigen überlebenden Hominiden erneut dem aufrechten Gang zuzustreben. Am wenigsten in den Reigen passte – gleichwohl großartig getanzt – das von Christopher Weeldon 2008 für das San Francisco Ballet entwickelte „Within the golden Hour“. In loser Folge reihten sich mehrere Pas de deux, Quat­res und Ensembles, basierend auf klassischem Figurenrepertoire und der gedankenlosen Reproduktion überkommener Geschlechterrollen: hier kraftvoll zupackende Männern, dort Frauen als schöne Kunstobjekte, die sich ohne besondere Motivation nach Belieben heben, drehen, ziehen, drücken lassen.

Rainer Nonnenmann

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