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Berichte
Der Vergangenheit ins Auge schauen
Ausstellung und Katalog zu 200 Jahren Theater Aachen
Der von Johann Peter Cremer und Friedrich Schinkel entworfene Bau des Theaters Aachen wurde am 15. Mai 1825 im Rahmen des Niederrheinischen Musikfestes mit Louis Spohrs Oper „Jessonda“ feierlich eröffnet. Wenige Tage später folgte die erste Aufführung von Beethovens 9. Sinfonie außerhalb Wiens. Das zweihundertjährige Bestehen feierte das Theater mit einer originellen Jubiläumsspielzeit 2024/25. Nun legt die Stadt die repräsentative Ausstellung „Bravo! Bravissimo! 200 Jahre Theater Aachen“ nach, zu sehen im Stadtmuseum Centre Charlemagne und dem gleichnamigen Buch.

Theater Aachen mit Umzug der Stadtgarde Öcher Penn anlässlich der Aufführung von Verdis „Ernani“ im Juli 2025. Foto: Andreas Hauff
Großen Erfolg hatte die als „Familienoper“ konzipierte Aufführung von Mozarts „Zauberflöte“, die die klassizistischen Bühnenbilder Friedrich Schinkels von 1816 für die Berliner Staatsoper zitiert. Der Geheime Oberbaurat des preußischen Königs spielte für das Aachener Stadtbild eine wichtige Rolle. Die lange als Badeort geschätzte Stadt verdankt ihm unter anderem den repräsentativen Elisenbrunnen in Sichtweite des Theaters. Das in Teilen computergenerierte Bühnenbild von Tim Berresheim spielte augenzwinkernd mit Schinkels Vorlagen. So erschien die Königin der Nacht zwar unter dem berühmten blauen Himmel; die Sterne lagen aber zunächst ungeordnet am unteren Bildrand und ordneten sich erst nach einer Weile am Firmament.
Im ägyptischen Bild war die Sphinx durch die Bahkauv-Skulptur ersetzt, die ein sagenhaftes Ungeheuer an den heißen Quellen der Aachener Innenstadt darstellt. Geertje Boedens Inszenierung betonte Elemente von Volkstheater und Maschinenkomödie, während sie die Freimaurer-Komponente verkürzte und ironisierte. Zum Jubelchor des Schlussbilds sah man den klassizistischen Aachener Theaterbau und darüber ein Feuerwerk. Das war ein Bild der Versöhnung, auch wenn die Königin der Nacht dazu gedrängt werden musste, sich neben Sarastro zu stellen. Intendantin Elena Tzavara dürfte sich darin wiedergefunden haben, sagte sie doch: „Wir sind ein Resonanzraum für eine Stadtgesellschaft in all ihrer Vielfalt.“
Offensichtlich hat man sich in Aachen entschlossen, das Theater vorbehaltlos zu feiern. Selbstverständlich ist das nicht. Immer wieder gab es während der letzten Jahrzehnte kritische Anfragen, ob man sich Stadttheater oder Orchester noch leisten könne. In den 1990er Jahren versuchte Intendant Elmar Ottenthal, dem Haus eine Nischen-Existenz als profitable Musical-Bühne zu sichern. 1996 ließ er die Abwicklung des Balletts zu, als ob es im Musical nicht gebraucht würde – während andernorts weitblickende Theaterleiter die Sparte aufwerteten. Nun aber heißt es ganz offiziell „Bravo! Bravissimo!“, und Kulturdezernent Heinrich Brötz erklärt: „Die Stadtgesellschaft braucht das Theater und das Theater braucht die Stadtgesellschaft.“ Dass das kein leeres Gerede ist, beweist der Umbau des Theaterplatzes, der das Haus aus seiner Insellage vom Autoverkehr befreien soll.
Die engagierte Ausstellung folgt einem klaren Konzept. In chronologischer Reihenfolge stellt sie Menschen in den Vordergrund, die das Theater während 200 Jahren geprägt haben und noch prägen. Da gibt es nicht nur die männlichen Dirigenten, Intendanten, Sänger, Schauspieler und engagierten Bürger, sondern auch eine ganze Reihe profilierter Frauen. Hinzu kommen aktuelle Interviews und fiktive innere Monologe historischer Personen. Die Texte sind gut gestaltet und gesprochen; nur muss man im Stehen die Kopfhörer festhalten, weil sie sonst nach oben wegschnappen. Ein weiterer Schwachpunkt ist die schlechte Beleuchtung, so dass man die Texte nur mühsam und die faksimilierten Originale fast gar nicht entziffern kann.
Ein Schwerpunkt liegt auf Tätern und Opfern zur Zeit des Nationalsozialismus. Hier sind die Verstrickungen des GMD Peter Raabe (1920–1935) klarer dokumentiert als jene seines Nachfolgers Herbert von Karajan (1935–1942), dessen Nimbus in der Stadtgesellschaft jahrzehntelang vorhielt. Im Ausstellungsraum findet man die inzwischen aus dem Theater entfernte Büste Karajans – verpackt in einer Kiste, so dass man nicht einmal sein Gesicht sieht. Vielleicht wäre es aber besser, der Vergangenheit ins Auge zu schauen.
Andreas Hauff |