|
Ausbildung
Grand Tour d’Horizon
Ringvorlesung „Musiktheater für alle“ an der HfMT Köln
Von Rainer Nonnenmann
Neben der praktischen Umsetzung von Musik- und Tanztheater empfiehlt es sich, ab und an auch über deren Rahmenbedingungen, Geschichte, Gegenwart und Zukunft nachzudenken, zumal an einer Einrichtung, die maßgeblich der Ausbildung von Sängerinnen und Instrumentalisten dient. Im zurückliegenden Sommersemester leistete genau dies an der HfMT Köln die von Arnold Jacobshagen konzipierte Ringvorlesung „Musiktheater für alle“. Der Professor für Historische Musikwissenschaft ist ein ausgewiesener Fachmann für die Oper in ihren verschiedenen epochalen und stilistischen Ausprägungen.
Musik und Theater gehören in Deutschland zu den wichtigsten der Säulen Kultur. Die meisten Orchester sind an einem der über 80 Stadt- und Staatstheater angesiedelt. Rund ein Drittel der öffentlichen Kulturförderung fließt in Theater und Musik. Gegenwärtig wächst infolge von knappen Finanzen, neoliberaler Ablehnung von Subventionen und teils direkten politischen Einmischungsversuchen der Legitimationsdruck gegenüber diesen Kultureinrichtungen. Die Kölner Ringvorlesung drehte sich daher auch um gesellschaftliche Verantwortung und Verankerung. Einleitend stellte Jacobshagen klar: „Musiktheater“ ist ein Oberbegriff für alle Formen von Oper, Operette, Ballett, Revue, Tanztheater und Musical und meint in der Nachfolge von Richard Wagners Musikdrama moderne Alternativen zur als konservativ erachteten Oper.

Round Table „Oper inszenieren – für alle?“ mit (von links) Andrea Raabe (Rektorin HfMT Köln), Gabriele Rech (Professorin für szenischen Unterricht), Katharina Schellenberg (Landestheater Detmold), Viktor Rud (Gesangsprofessor), Arnold Jacobshagen (Moderation). Foto: Rainer Nonnenmann
Die Vorträge belegten eindrücklich, dass Musiktheater keine elitäre, exklusive und versnobte Hochkultur ist, wie Kritiker meist aus Unkenntnis unterstellen. Stattdessen gab und gibt es populäre Formen. Anna Ricke porträtierte Singspiele und Melodramen, die um 1800 in Paris, London und Wien in aufwändigen Inszenierungen teils hunderte Aufführungen in Theatern für mehr als dreitausend Personen erfuhren. Populäres Musiktheater, Musicals und speziell Disney-Musicals behandelten Michael Fischer, Patrick Mertens und Tillmann Triest. Kevin Clarke zeigte Beispiele für nicht-genderkonforme und queere Inszenierungen von Operetten, wie sie aktuell beliebt sind. Heinz Geuen behandelte Kurt Weills Zeitopern und Broadway-Produktionen als gesellschaftlichen Spiegel. Und Corinna Herr demonstrierte anhand zehntausender Chats, dass „Oper auf YouTube“ teilweise millionenfache Clicks und Likes sowie ganz andere Formen der Präsentation, Rezeption, Diskussion und Gemeinschaftsbildung erfährt.
Wie Musik und Theater auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich gemacht werden können, zeigte Toni Ming Geiger anhand einer inklusiven, barrierefreien Adaption von Müller/Schuberts „Winterreise“ in leichter Sprache des Kölner Kollektivs Un-Label. Da von den originalen Gedichten und Liedern allerdings wenig übrig blieb, stellte sich die Frage, warum mit den Beteiligten und deren individueller Persönlichkeit, Lebenssituation und Bühnenpräsenz nicht gleich etwas ganz Neues, Eigenes, Angemessenes entwickelt wurde. Alternative Arbeits- und Darstellungsweisen zeigten auch Vera Trottenburg anhand von Schulprojekten, Anna Schürmer mit dem Fokus auf Virtualität und Partizipation sowie Christina C. Messner und Sandra Reitmayer an ausgewählten Produktionen des von ihnen geleiteten Kölner Festivals für aktuelles Musiktheater ORBIT.
Die Gesangsprofessor:innen Brigitte Lindner, Mirella Hagen und Kai Wessel verständigten sich mit dem Intendanten der Oper Köln Hein Mulders darauf, dass das Diplom-Studium bis in die 2000er Jahre flexibel, offen und noch nicht so verschult und überfrachtet gewesen sei. Dagegen bieten die heutigen Bachelor- und Masterstudiengänge bessere Möglichkeiten für Auslandsstudium und größere Fächervielfalt. Eine zweite Podiumsdiskussion widmete sich Fragen von Inszenierung, Regietheater, Spielplangestaltung, Repertoire, Abonnement, Erwartungsdruck, Auslastung, Opernverfilmung, Postkolonialismus, Femizid… Die Liste der Themen ließe sich fortsetzen. Nicht zuletzt diese Fülle an Fragen zeugt von der Aktualität und Diskursivität des Musiktheaters.
|