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Editorial von Christine Stein

Kulturpolitik

Brennpunkte
Chemnitz: Gemeinsame Erklärung der Gewerkschaften BFFS, GDBA, VdO, unisono und ver.di – erste erfreuliche Rückmeldungen aus der Politik

Auf ein Wort mit…
Florian Lutz und Mario Schomberg über das INTERIM des Staatstheaters Kassel

Westwärts beißt man auf Granit
Strategien und Widerstände bei der Erschließung von DDR-Operetten und -Musicals

Grand Tour d’Horizon
Ringvorlesung „Musiktheater für alle“ an der HfMT Köln

Berichte

Glänzender „Rienzi“, gescheiterter KI-„Ring“
Die Premieren bei den Bayreuther Festspielen 2026

Welttheater, Kontroversen, Kontraste
Die Salzburger Festspiele 2026

Hin zum Vollfestival
Die Bregenzer Festspiele weiten ihr Programm reizvoll aus

Farbenprächtiges Spektakel
Cestis „Il pomo d’oro“ nach 350 Jahren wieder vollständig in Innsbruck

Gerechtigkeit eingekauft
Erschreckend aktueller „Besuch der alten Dame“ im Münchner Gärtnerplatztheater

„Alles im Eimer…“
Nino Rotas Oper „Der Florentiner Hut“ in Wuppertal

Schwerpunkt

Interim wird vielfach andauern
Das Münchner Atelier Achatz über Anforderungen bei der Sanierung von Theatern

Learning from Gelsenkirchen
Opern und Städte im 21. Jahrhundert und davor

Elegante Logenschlitten, pyramidenartige Werkstatttürme
Interessante Ersatzspielstätten während 14 Jahren Sanierung der Oper Köln

Provisorien halten ewig?
Über den Theater-Neubau von Rostock

Sanierungen, Interimslösungen, Um- und Neubauten
Ein Rundgang von Rainer Nonnenmann

Unerhörte Klangwelten
Die prophezeite und ausgebliebene große Zukunft afroamerikanischer Komponisten

Respektheischende Arbeit
Stephan Möschs Wagner-Buch „Bayreuth als Theater”

Höhenflug mit Ziellandung
Zweites Film-Porträt von Wagner-Star-Tenor Klaus Florian Vogt

VdO-Nachrichten

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Organisationswahlen – NV Bühne: zum Stand der Dinge

Die Zuwendung im NV Bühne
Die wichtigsten Fragen und Antworten in aller Kürze

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Ausbildung

Grand Tour d’Horizon

Ringvorlesung „Musiktheater für alle“ an der HfMT Köln

Von Rainer Nonnenmann

Neben der praktischen Umsetzung von Musik- und Tanztheater empfiehlt es sich, ab und an auch über deren Rahmenbedingungen, Geschichte, Gegenwart und Zukunft nachzudenken, zumal an einer Einrichtung, die maßgeblich der Ausbildung von Sängerinnen und Instrumentalisten dient. Im zurückliegenden Sommersemester leistete genau dies an der HfMT Köln die von Arnold Jacobshagen konzipierte Ringvorlesung „Musiktheater für alle“. Der Professor für Historische Musikwissenschaft ist ein ausgewiesener Fachmann für die Oper in ihren verschiedenen epochalen und stilistischen Ausprägungen.

Musik und Theater gehören in Deutschland zu den wichtigsten der Säulen Kultur. Die meisten Orchester sind an einem der über 80 Stadt- und Staatstheater angesiedelt. Rund ein Drittel der öffentlichen Kulturförderung fließt in Theater und Musik. Gegenwärtig wächst infolge von knappen Finanzen, neoliberaler Ablehnung von Subventionen und teils direkten politischen Einmischungsversuchen der Legitimationsdruck gegenüber diesen Kultureinrichtungen. Die Kölner Ringvorlesung drehte sich daher auch um gesellschaftliche Verantwortung und Verankerung. Einleitend stellte Jacobshagen klar: „Musiktheater“ ist ein Oberbegriff für alle Formen von Oper, Operette, Ballett, Revue, Tanztheater und Musical und meint in der Nachfolge von Richard Wagners Musikdrama moderne Alternativen zur als konservativ erachteten Oper.

Round Table „Oper inszenieren – für alle?“ mit (von links) Andrea Raabe (Rektorin HfMT Köln), Gabriele Rech (Professorin für szenischen Unterricht), Katharina Schellenberg (Landestheater Detmold), Viktor Rud (Gesangsprofessor), Arnold Jacobshagen (Moderation). Foto: Rainer Nonnenmann

Round Table „Oper inszenieren – für alle?“ mit (von links) Andrea Raabe (Rektorin HfMT Köln), Gabriele Rech (Professorin für szenischen Unterricht), Katharina Schellenberg (Landestheater Detmold), Viktor Rud (Gesangsprofessor), Arnold Jacobshagen (Moderation). Foto: Rainer Nonnenmann

Die Vorträge belegten eindrücklich, dass Musiktheater keine elitäre, exklusive und versnobte Hochkultur ist, wie Kritiker meist aus Unkenntnis unterstellen. Stattdessen gab und gibt es populäre Formen. Anna Ricke porträtierte Singspiele und Melodramen, die um 1800 in Paris, London und Wien in aufwändigen Inszenierungen teils hunderte Aufführungen in Theatern für mehr als dreitausend Personen erfuhren. Populäres Musik­theater, Musicals und speziell Disney-Musicals behandelten Michael Fischer, Patrick Mertens und Tillmann Triest. Kevin Clarke zeigte Beispiele für nicht-genderkonforme und queere Inszenierungen von Operetten, wie sie aktuell beliebt sind. Heinz Geuen behandelte Kurt Weills Zeitopern und Broadway-Produktionen als gesellschaftlichen Spiegel. Und Corinna Herr demonstrierte anhand zehntausender Chats, dass „Oper auf YouTube“ teilweise millionenfache Clicks und Likes sowie ganz andere Formen der Präsentation, Rezeption, Diskussion und Gemeinschaftsbildung erfährt.

Wie Musik und Theater auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich gemacht werden können, zeigte Toni Ming Geiger anhand einer inklusiven, barrierefreien Adaption von Müller/Schuberts „Winterreise“ in leichter Sprache des Kölner Kollektivs Un-Label. Da von den originalen Gedichten und Liedern allerdings wenig übrig blieb, stellte sich die Frage, warum mit den Beteiligten und deren individueller Persönlichkeit, Lebenssituation und Bühnenpräsenz nicht gleich etwas ganz Neues, Eigenes, Angemessenes entwickelt wurde. Alternative Arbeits- und Darstellungsweisen zeigten auch Vera Trottenburg anhand von Schulprojekten, Anna Schürmer mit dem Fokus auf Virtualität und Partizipation sowie Christina C. Messner und Sandra Reitmayer an ausgewählten Produktionen des von ihnen geleiteten Kölner Festivals für aktuelles Musiktheater ORBIT.

Die Gesangsprofessor:innen Brigitte Lindner, Mirella Hagen und Kai Wessel verständigten sich mit dem Intendanten der Oper Köln Hein Mulders darauf, dass das Diplom-Studium bis in die 2000er Jahre flexibel, offen und noch nicht so verschult und überfrachtet gewesen sei. Dagegen bieten die heutigen Bachelor- und Masterstudiengänge bessere Möglichkeiten für Auslandsstudium und größere Fächervielfalt. Eine zweite Podiumsdiskussion widmete sich Fragen von Inszenierung, Regietheater, Spielplangestaltung, Repertoire, Abonnement, Erwartungsdruck, Auslastung, Opernverfilmung, Postkolonialismus, Femizid… Die Liste der Themen ließe sich fortsetzen. Nicht zuletzt diese Fülle an Fragen zeugt von der Aktualität und Diskursivität des Musiktheaters.

 

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