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Berichte
Farbenprächtiges Spektakel
Cestis „Il pomo d’oro“ nach 350 Jahren wieder vollständig in Innsbruck
Wer macht wohl den besten Eindruck? Aufgebrezelte Schönheitsköniginnen wuseln herum, auf ihren Schärpen steht „Miss Spagna“, „Miss Italia“, „Miss Ongheria“ oder „Miss Boemia“. In Pietro Antonio Cestis Oper „Il pomo d’oro“ verkörpern sie in zwei Chören die habsburgischen Territorien, die im Prolog keinem Geringeren als Kaiser Leopold I. und seiner jungen Gattin Margarete Theresia von Spanien huldigen. Zu ihrem fünfzigjährigen Jubiläum haben die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik alle fünf Akte des rund sieben Stunden dauernden Werks nach einer aufwendigen Rekonstruktion von Ottavio Dantone auf die Bühne gebracht. Wie bei der ersten Aufführung im Juli 1668 in Wien, nach der dieser Koloss rasch in Vergessenheit geriet, wurde die Oper jetzt wieder auf zwei Abende verteilt.

Pietro Antonio Cesti, „Il pomo d’oro“ bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik „Bankett der Götter“. Foto: Birgit Gufler
Dass der Titel der Schönsten im Land heiß begehrt ist, war schon in der Antike kein Geheimnis mehr. Die mythologische Erzählung vom Urteil des Paris, der den goldenen Apfel der Eris an eine der drei konkurrierenden Göttinnen übergeben musste, zieht sich wie ein roter Faden durch die turbulente Handlung von Cestis Mammutwerk. Der erfolgreiche Komponist hatte zuvor in den Diensten des Tiroler Landesfürsten in Innsbruck gestanden. 1665 kam er als Kapellmeister an den kaiserlichen Hof in Wien. Anlässlich der Hochzeit von Leopold und Margarete Theresia schrieb er die Festoper „Il pomo d’oro“, die allerdings erst anderthalb Jahre später zum Geburtstag der Kaiserin uraufgeführt werden konnte – und zwar im eigens dafür entworfenen Theater auf der Cortina. Der musikliebende Monarch hatte selbst einige Arien komponiert. Es war eine Produktion der Superlative: Fast 50 Figuren traten in 23 Bühnenbildern auf, Dutzende Bühnenmaschinen kamen zum Einsatz. Dantone ist seit 2024 Musikdirektor der Innsbrucker Festwochen. Nun stand er vor der Herausforderung, die als verloren geltende Musik des III. und V. Akts rekonstruieren zu müssen. Aus beiden Akten waren immerhin 35 Arien überliefert, allerdings ohne Orchestrierung. Dantone orientierte sich an dem vollständig erhaltenen Libretto von Francesco Sbarra und an Manuskripten in der Biblioteca Estense in Modena. Durch Vergleiche mit anderen Werken Cestis konnte er fehlende Passagen bis hin zu ganzen Szenen nachbilden. Mit seinem bewährten Ensemble Accademia Bizantina gelang es ihm, diese Musik lebendig zu gestalten und die Spannung nie abreißen zu lassen.
In Innsbruck wirkten zwanzig Sängerinnen und Sänger mit, die zumeist zwei oder drei Rollen übernahmen. So waren die Mezzosopranistin Sophie Rennert als Gloria Austriaca und Juno, die Sopranistin Jone Martínez als Verkörperung Spaniens und Venus sowie der Bass José Coca Loza als Pluto, Unterweltsfährmann Charon und Priester zu erleben. Ester Ferraro gab eine maliziöse Discordia (Eris), die aus Rache den Zankapfel in die Götterrunde wirft und damit Zwietracht unter den drei Göttinnen Juno, Pallas Athene und Venus sät. Der stimmgewaltige Bariton Mauro Borgioni beeindruckte als trojanischer Prinz Paris, der in den Bann der schönen Helena gerät. Berührend gestaltete die Altistin Mathilde Ortscheidt die Rolle der Nymphe Oenone, die um ihren abtrünnigen Geliebten trauert.
Regisseur Fabio Ceresa lieferte eine bildmächtige, kurzweilige Inszenierung, die verschiedene Zeitebenen geschickt verknüpft und Brücken von der antiken Götterwelt in unsere Gegenwart schlägt. So werden Paris und Oenone in eine minimalisch eingerichtete Wohnung aus unserer Zeit versetzt. Nikolaus Webern entwarf das Bühnenbild, Giuseppe Palella die farbenprächtigen Kostüme. Auch die Komik kam nicht zu kurz. Der von Countertenor Rémy Brès-Feuillet verkörperte Schäfer Aurindo verzehrt sich in unerwiderter Liebe nach Oenone und wird deswegen von der Amme Filaura verspottet. In dieser Rolle brillierte Tenor Alberto Allegrezza mit derbem Humor und schauspielerischem Können. Für Lacher sorgte Bariton Giacomo Nanni als Windgott Äolus, der mit roter MAGA-Kappe Donald Trump auf die Schippe nimmt. Die vier Geister, die ihn umgeben, stehen für heutige Schurken der Weltpolitik. Doch zum Schluss geht der goldene Streitapfel an eine Europa-Figur im blau-gelben Sternenmantel.
Corina Kolbe |