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Berichte
Hin zum Vollfestival
Die Bregenzer Festspiele weiten ihr Programm reizvoll aus
Diese Vorarlberger! Von drei Seiten animierend schöne Natur und Berge und dazu der Bodensee… doch nicht genug: da wird das musikalisch renommierte Hohenems stadtplanerisch sowohl bildschön wie planerisch überlegt erneuert; da trumpfen sie mit zeitgenössischer Architektur auf, die den Baustoff Holz vielfältigst nutzt und feiert; da etablieren sie im schönen Hittisauer Tal ein Frauen-Museum – das erste und einzige in Österreich und weltweit das einzige im ländlichen Raum mit einer unideologisch vifen Chefin; da lockt das Bregenzer Kunsthaus nicht nur wegen Zumthors Architektur, sondern der Modernität der Wechselausstellungen… ach ja: und da gibt es diese „Festspiele mit See“ in ihrem 80. Jahr…! Die finnische Intendantin Lilli Paasikivi behält mit dem seit Jahren als „Ermöglicher“ tätigen Kaufmännischen Direktor Michael Diem die inzwischen bewährte „Bregenzer Dramaturgie“ bei – also:
Verdi
Vor der rund 7.000 Besucher aller Publikumsschichten vereinenden Seetribüne lockt das populäre Werk in spektakulärer, künstlerisch nie ranschmeißerisch banaler Interpretation. Dafür war Star-Regisseur Damiano Michieletto mit seinem Team angeworben worden: für alle, auch für Bregenz erstmals Verdis „La Traviata“.

Giuseppe Verdi, „La traviata“. Foto: Bregenzer Festspiele / Anja Koehler
Nur zwei Gesellschaftsszenen finden sich im sonst eher kammerspielartigen Drama um die todkranke Violetta. Für die unumgängliche XXL-Vergrößerung auf der Seebühne hat Bühnenbildner Paolo Fantin einen 700 Quadratmeter großen, nur weich-matt reflektierenden Spiegel erfunden: hoch aufragend, aber bis weit nach vorne ins Wasser als zersplitterte Spielfläche dienend. Das ist als Abbild für den kaputten Glitter-Glanz des Kurtisanenlebens wie für die ruinierte Gesundheit der Hauptfigur anfangs beeindruckend – doch auch zu wenig intim und wandlungsfähig. Ein in halber Höhe herausklappendes Spielpodest für die ländliche Liebes-Idylle Violettas mit Alfredo und ein verzichtbar anderes für ein Arzt-Zimmer, in dem Dr. Grenvil die Röntgen-Aufnahme mit der damals tödlichen Tuberkulose studiert, überzeugen weniger. Ein später für Floras Ball aus dem Boden aufklappender, grellroter Show-Ring mitsamt Balletteinlage und Zauberkunststücken rettet wenig. Denn der See muss mitspielen – und deshalb waten auch die Hauptfiguren immer wieder durchs wadentiefe Wasser der vorderen Spielfläche: dramaturgisch sinnfreier Aufwand.
Vater Germonts Heranwaten mit Koffer liefert nur „Lächerlichkeit“. Der einleitende Ball Violettas als knallbunte „Splish-Splash“-Bade-Party (Kostüme Carla Teti) einer hübsch rhythmisch à la „Synchron-Wasserballett“ umherspritzenden Stunt-Truppe verpufft als beklatschter Show-Gag zwischen Esther Williams’ Hollywood-Badereien und Wimmelbild. Die stilistisch dazu unpassend kontrastierende Erfindung von Regisseur Michieletto und Paolo Fantin, dass am Ende aus der Spiegelmitte eine große schwarze Kugel – als Todessymbol? – auf Violetta zu schwebt, aber nicht final beeindruckend „zermalmt“… ist nur befremdlich. Die Inszenierung, die schon die originale, schön intime Kamelien-Lockung Violettas in einen kurzen Party-Kuss für Alfredo banalisiert, zeigt nirgendwo Michielettos Können. Einzige Erkenntnis: Das Werk gehört nicht auf die große Seebühne. Leider überwölbte Dirigent Kirill Karabits das Ganze mit den Wiener Symphonikern nicht emotional glühend. Die berühmte BOA-Tontechnik konnte zwar Violettas „Amami“-Abschied in grandiosen Cinemascope-Sound steigern, aber die große musikdramatische Bandbreite zwischen Liebes-Utopie und Liebes-Tod entfaltete sich nicht. Das lag nicht an den Premieren-Solisten. Vor gut besetzten Nebenrollen – etwa dem markanten Dr. Grenvil von Stanislav Vorobyov – verlieh Vladimir Stoyanov dem Vater Germont mit schön voluminösem Bariton die gradlinige Würde eines Patriarchen aus der Provence. Julien Behr brachte für Alfredo eine blendende Bühnenerscheinung mit, so männlich fesch und tenoral viril strahlend, dass seine anfängliche Schüchternheit und Unangepasstheit wenig glaubhaft wirkten. Sopranistin Marjukka Tepponen dagegen war in schönen Ball-Roben als verführerisches Zentrum durchweg überzeugend. Ihr Sopran klang mal kühl abkanzelnd, besaß dann aber auch die Leuchtkraft für das eine große Glück. Ihr gebührte der kurze Jubel – doch kaum Freude übers Gelingen. Also: „Werkstatt Bregenz“ – bitte für 2027 überarbeiten!
Janáček
Im Festspielhaus dann die „Opern-Orchidee“, die selten „blüht“: Bis zu seiner späten Anerkennung ab etwa 1909 hatte Leoš Janáček die meisten „Niederungen“ menschlichen, gesellschaftlichen und künstlerischen Daseins durchlitten. Das hat seine grundsätzlich humane Orientierung dennoch gefestigt… und dann letztlich auch seine Lust, dem – nicht nur tschechischen – Spießbürger ein musikdramatisches „Denk-mal!“ zu setzen… nämlich 1908-17, mit Überarbeitungen 1920 und 1926 „Die Ausflüge des Herrn Brouček“.
Für die Aufführungspraxis heißt das: in die Traum-, Trick- und Zauberkiste allen Theaters greifen – und dazu diesen musikalischen Janáček-Tonfall treffen. Schon die ersten Takte von Dirigent Robert Jindra und den hellwach spielfreudig klingenden Wiener Symphonikern bestätigten dies: eine Ahnung von klanglichem Gekicher und Gemecker – schließlich der erste dieser wiederkehrenden, von Blechfanfaren gekrönten Emotionsaufschwünge – und dann gleich auch wieder die Brechung ins Kleinbürgerliche. Dazu im Verlauf mal der freche Umbruch im Tonfall, eine der Situation angepasste Sprechmelodie kontrastierend zur süßen, herzerwärmenden Kantilene… all das gelang glänzend.
„Ausflüge“: Der mit viel Bier, dazu schon ordentlich Würstel in seinem Polstersessel im Prager Häusel sitzende und träumende Matéj Brouček erlebt zwar viel banale Realität in seiner Nachbarschaft – aber seine nicht nur typisch tschechische Mixtur aus Ablehnung, Einmischung und Spintisiererei weitet alles um ihn her… Da muss aller Bühnenzauber losbrechen, denn der Mond über Prag… und junge Liebe… und Suff… da grüßen damaliges Dada und unser aktuelles Gaga… in seinem a-logischen Wirbel – schwierig beschreibbar, dennoch: Regisseur Yuval Sharon, Ausstatter Jon Bausor, Video-Zauberin Hannah Wasileski, Choreograph Crispin Lord und „Licht-Spieler“ Yi Zhao haben mal über die in der tschechischen Theaterkultur gepflegte „Laterna magica“ hinaus einfach in die Illusions- und Zauberkiste gegriffen. Eine wandernd verwandelte Stadtsilhouette, ein sich drehendes Brouček-Häuschen, Sternenflug, Mond, eine „wirr-denkende“ Weltall-Gesellschaft in strengen Gaze-Kästchen und vieles mehr wirbelte im ersten Werkteil… be- und verrückt animierte Pause…
Dann entdeckte Brouček den Prager Untergrund. Spektakulär klappte der Bühnenboden hoch und in gespiegelter „Realität“ ruhte da der tschechische Versuch zu kriegerischer Unabhängigkeit mit Jan Hus im 15. Jahrhundert… Kostümzauber, alt-neuer Nationalismus, doch dem Kämpfer-wider-Willen Brouček geht es am Ende nur um Bier und Wurst… Dass dieser auch Janáček-biografische Historien-Teil nicht zu lange geriet, war dem Prager Philharmonischen Chor unter Lukáš Vasilek zu danken: idiomatisch genauer und mit überwältigender Begeisterungsklangfülle kann die damalige tschechische Unabhängigkeit nicht besungen werden. Peter Hoare war in Strickjacke und leicht ausgebeulter Alltagshose ein perfekter Brouček; Tatev Baroyan ließ durch alle Welten Männer-betörenden Sopran-Zauber leuchten – und dann kann der Besetzungszettel nicht wieder gegeben werden: denn Mihails Culpajevs, Károly Szemerédy oder Jan Štáva wie nahezu alle übrigen glänzenden Solisten sind in Mehrfachrollen kaum nachzuerzählen – tutti bravi! Aller Jubel verdient!
Dazu bei den Festspielen noch Orchester-, Kammermusik- und Solistenkonzerte, Donizettis „Elisir d’amore“ als Studio-Oper für Nachwuchssänger, Kinderkonzerte, ein Burgtheater-Gastspiel, Festspielfrühstücke mit Künstlern… all das weist auf einen längeren „Festspielurlaub 2027“ am Bodensee! Dann mit Othmar Schoecks „Penthesilea“ als „Orchidee“.
Beatrix Leser und Wolf-Dieter Peter |