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Provisorien halten ewig?
Über den Theater-Neubau von Rostock

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Provisorien halten ewig?

Über den Theater-Neubau von Rostock

Von Ralf Stabel

Seit dem späten 16. Jahrhundert wurden an deutschen Fürstenhöfen feste Bühnen eingebaut. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert gehörten die Theater-Bauten zum Stadtbild und zum Selbstverständnis des bürgerlichen und um Bildung und Aufklärung bemühten Menschen. Im 20. Jahrhundert wurde Theater zur Selbstverständlichkeit einer modernen Stadtgesellschaft. Gerade in Deutschland, das aufgrund der Vielstaaterei vor 1871 die höchste Theaterdichte der Welt hat, ist dies fraglos eine Erfolgsgeschichte. Eine deutsche Stadt ohne Theater ist ein Unding. Und dass die großen Hansestädte mit ihrem durch den Handel zu Wohlstand gekommenen Bürgertum eigene Stadttheater unterhalten, versteht sich von selbst.

Durch die Teilung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg gab es unterschiedliche Entwicklungen. Das betraf die gesellschaftliche Aufgabe von Theater, das Selbstverständnis der Theaterleute, die Bildung und den Anspruch des Publikums an sein Theater und schließlich auch die Finanzierung der Häuser, Mitarbeiter und künstlerischen Prozesse. In der DDR gab es 1989 laut statistischem Jahrbuch 217 Spielstätten. Darüber, wie viele nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD geschlossen, verkleinert oder zusammengelegt wurden, gibt es keine belastbaren Zahlen. Aber jeder im Osten kennt eine Vielzahl von betroffenen Häusern – und damit von betroffenen Menschen, die ihren Arbeitsplatz verloren haben und Menschen, die ihr Theater verloren haben. Mitunter wurde auch nur eine Sparte „gekürzt“. Zu oft war es der Tanz.

Das Rostocker Theater

Auch in Rostock soll seit dem Mittelalter Theater gespielt worden sein. Das älteste erhaltene Theaterplakat stammt von 1520. Fahrt nimmt das Theater mit dem Neubau von 1895 auf. Man sprach damals vom „Bayreuth des Nordens“. In der Nacht vom 24. auf den 25. April 1942 fällt das Haus einem Bombenangriff zum Opfer. Seit dem 13. März 1943 spielte das damals sogenannte „Theater der Seestadt Rostock“ in der umgebauten, ehemaligen Tanzgaststätte „Philharmonie“. Während anderenorts die beschädigten oder zerstörten Theater wiederhergestellt wurden, hatte man in Rostock kein Geld für einen Theaterneubau. In den 1970er Jahren bekam diese Spielstätte ein Eingangsgebäude und ein Probebühnenhaus. Aber es blieb ein Provisorium, und diese halten bekanntlich ewig – das Rostocker Theater-Provisorium inzwischen 83 Jahre.

Volkstheater Rostock, Grundriss Ebene 4. Entwurf: Hascher Jehle Architektur GmbH

Volkstheater Rostock, Grundriss Ebene 4. Entwurf: Hascher Jehle Architektur GmbH

Rostock blickt auf eine interessante künstlerische Theatergeschichte in jüngster Zeit zurück. Von herausragender Bedeutung war Hans Anselm Perten. Von 1952 bis zu seinem Tod 1985 war er – neben einem kurzen Abstecher als Intendant am Deutschen Theater in Berlin – Intendant in Rostock. Er hatte zuvor unter anderem das Theater in Wismar geleitet und kam 1946 als Schauspieler von Hamburg nach Mecklenburg. Wegen der begrenzten Möglichkeiten der Tanzgaststätte eröffnete er in der Stadt verteilt weitere Spielstätten, gründete die Schauspielschule und erfand die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek auf Rügen. Um die Theaterarbeit von Perten ranken sich eine Vielzahl von Legenden und Anekdoten, ebenso um seine Ehe mit der Schauspielerin Christine van Santen und um seinen bis heute ungeklärten Tod. Er inszenierte die Klassiker ebenso wie Weiss, Hochhuth oder Dürrenmatt, auch Fo und Giradoux, O’Neill und Albee. Das Theater Rostock war nie Provinz-Theater. Seit 1952 trägt es den Namen Volkstheater – stolz und zurecht. Perten sei Dank!

Anschließend lag die Leitung des Hauses nacheinander in sieben Händen. Gegenwärtig ist Ralph Reichel Intendant. Den größten Wirbel verursachte in jüngerer Vergangenheit Intendant Sewan Latchinian mit seinem Widerstand gegen die Spar- und Abbaupläne der Stadt. Die Sparte Oper sollte eingeschränkt werden beziehungsweise mit anderen Häusern kooperieren, und die Sparte Tanz sollte gleich ganz weggespart werden. Wegen der Argumentation in seiner Gegenwehr 2015 wurde Latchinian umgehend gekündigt. Aber der Einsatz dieses streitbaren Theater-Robin-Hoods trieb den Konflikt auf die öffentlich wahrnehmbare Spitze: Will sich Rostock ein Vier-Sparten-Theater weiterhin leisten? Ja oder Nein? Die Antwort war schließlich: JA! Unter der Federführung des parteilosen Bürgermeisters Roland Methling aus Rostock kam es 2013 zur Standortentscheidung für einen Theaterneubau und 2018 zum Beschluss der Bürgerschaft für einen Neubau. Die Investitionssumme sollte 110 Millionen nicht übersteigen. 2019 wurde der Gewinner des Architekturwettbewerbs bekannt gegeben.

Der Theaterneubau am Bussebart

Das Areal, auf dem das Theater entsteht, heißt seit Jahrhunderten „Bussebart“. Ein Volkstheater zu errichten, scheint Programm bei diesem Theaterneubau. Insgesamt wurden zehn Architekturbüros zum Wettbewerb zugelassen. Sie stammten aus Berlin, Hamburg, Stuttgart, Paris und Bregenz. Gewonnen hat das Berliner Architekturbüro Hascher Jehle Assoziierte GmbH. Der parteilose Däne Claus Ruhe Madsen, damals Oberbürgermeister, sagte: „Der Siegerentwurf vereint feine und experimentelle Kunst mit breiter Publikumsanziehung und respektiert die städtebaulichen Strukturen.“

Volkstheater Rostock, Innenraum Großer Saal, Entwurf: Hascher Jehle Architektur GmbH

Volkstheater Rostock, Innenraum Großer Saal, Entwurf: Hascher Jehle Architektur GmbH

Die Formensprache würde ich als mutig bezeichnen. Weg vom optimal-nutzbar Quadratischen, hin zum großzügig-gewagten Geschwungenen. Nicht mehr Kunst am Bau, sondern Kunst als Bau. Und das ist bei einem Bau für die Kunst mehr als angemessen. Gebaut wird um einen Großen Saal mit 650 Sitzplätzen mit Parkett und Rang. Zudem gibt es eine kleine Spielstätte für 200 Zuschauer. In einer Tiefgarage soll es 100 Pkw-Stellplätze mit 36 E-Ladepunkten geben. Ebenso sind 100 Fahrradstellplätze geplant. Der Bau wird als eine „begehbare Gebäudeskulptur“ beschrieben. Geschwungene und gegeneinander versetzte Baukörper prägen die Architektur. Das Haus wirkt dadurch zur Umgebung hin offen – auch weil es im klassischen Sinne keine Vorder- oder Rückseite gibt. Der für ein Theater notwendige Bühnenturm ist gleichzeitig ein öffentlich zugängliches Panoramadeck mit Blick über Rostock, wodurch das Gebäude auch außerhalb von Vorstellungen zu einem öffentlichen Ort werden soll. Auch das Foy­er ist als öffentlicher Begegnungsraum konzipiert. Diese Planungen könnten das Haus zu einem durchgehend geöffneten und genutzten Kulturort machen: Volkstheater in der besten Tradition eines Hauses fürs Volk. Auch anderenorts wurde das mitunter schon probiert, etwa mit dem Theaterbau in Basel. Dort hatte man sich schon vor gut 50 Jahren entschieden und getraut, diesen Neubau als einen Begegnungsort, als eine Art Kultur-Akropolis mit Agora zu wagen – und siehe da: Das wird angenommen und funktioniert hervorragend.

Inzwischen soll der Rostocker Bau für Musiktheater, Schauspiel, Tanz und Philharmonie allerdings schon 208 Millionen Euro kosten. Unter der Leitung von Bürgermeisterin Eva-Maria Kröger (Die Linke), die aus Rostock stammt, soll das Geld durch den Verkauf von 18 Grundstücken erwirtschaftet werden. Aber das braucht seine Zeit und lässt auch unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. So steht zum Beispiel der DDR-Anbau des alten Volkstheaters inzwischen unter Denkmalschutz, was der Vermarktung oder Veräußerung im Wege steht. Trotz alldem: Die Fertigstellung des Neubaus ist für 2028 vorgesehen.

Transparenz und Tanz

Auf der Internet-Seite des Theaters gibt es ein eigenes Kapitel zum Theaterneubau, und auch die Stadt selbst beziehungsweise der den Bau ausführende „Eigenbetrieb Kommunale Objektbewirtschaftung und -entwicklung der Hanse- und Universitätsstadt Rostock“ unterhält eine sehr anschaulich, übersichtlich gestaltete und aktuelle Seite, auf der man sich über die Historie und den aktuellen Stand des Theaterneubaus informieren kann. Durch eine Webcam kann man täglich beim Fortschreiten des Baugeschehens dabei sein. Auch die Internetseite des Architekturbüros informiert. All das zusammen ist vorbildlich! Das neue Volkstheater wird fraglos zu einem Anziehungspunkt für die Rostocker und ihre Gäste werden. Bleibt zu wünschen, dass die Kunst im Bau dann auch ebenso zeitgenössisch und gewagt, mutig und offen sein wird.

„Eine Kette ist nur so stark wie das schwächste ihrer Glieder“, heißt es. Dass das Theater über so viele Jahrzehnte in einer ehemaligen Tanzgaststätte gespielt hat, und dass der Spatenstich für den Neubau, an dem übrigens alle Rostocker selbst Hand anlegend teilnehmen konnten und dies auch taten, am Welttanztag 2024 stattfand, ist ein guten Omen für die schwächste aller Sparten – den Tanz.

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