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Repertoire
Westwärts beißt man auf Granit
Strategien und Widerstände bei der Erschließung von DDR-Operetten und -Musicals
Von Roland H. Dippel
Inzwischen dauert die Nachwendezeit mit 37 Jahren seit Mauerfall fast so lange wie das Bestehen der DDR. Während in Literatur, Schauspiel, Film und den bildenden Künsten eine rege Aufarbeitung der parallelen Epochen in BRD und DDR einsetzten, stockte diese bei der Erschließung des DDR-Schaffens von Oper, Operette und Musical. Nach 2000 verschwanden Opern von DDR-Komponisten wie Robert Hanell und Paul Dessau (mit Ausnahme der sensationellen Entdeckung von dessen „Lanzelot“ in Weimar) fast vollständig. Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ hatte sich vor allem in der in Hamburg uraufgeführten Neuvertonung durchgesetzt und gehört dadurch zur westlichen Nachkriegszeit.
Intensiv ausbaufähig ist die Erschließung des „Heiteren Musiktheater der DDR“, also die für Subventionsbühnen entstandenen Operetten und Musicals. Deren geringe Vorstellungszahl ist im Vergleich mit der unbefangenen Repertoirepräsenz von während des „Dritten Reichs“ entstandenen Musiktheater-Stücken in der Nachwendezeit niederschmetternd. Richard Strauss’ „Capriccio“, Carl Orffs „Die Kluge“, Werner Egks „Die Zaubergeige“ und „Peer Gynt“, Fred Raymonds „Maske in Blau“ und Friedrich Schröders „Hochzeitsnacht im Paradies“ standen in der westdeutschen Nachkriegszeit bis in die 1990er-Jahre regelmäßig auf den Spielplänen. Nach 1989 gingen die Aufführungen der Stücke von Raymond und Schröder im Westen aufgrund des sich dem Musical zuneigenden Zeitgeschmacks zurück. An Theatern der neuen Bundesländer erlebten sie dagegen bis 2000 einen Boom. Dort gab es einen Nachholbedarf, denn Werke der „spätbürgerlichen Dekadenz“ und „kapitalistischen Verblödungsindustrie“ wurden in der DDR mit wenigen Ausnahmen nicht als aufführenswert betrachtet.

Gerd Natschinski, „Mein Freund Bunbury“ mit Gundula Natschinski am Erzgebirgischen Theater Annaberg-Buchholz. Foto: Dirk Rückschloß
Die „nach-totalitäre“ Nicht-Präsenz von Musiktheater-Stücken ostdeutscher Provenienz bei gleichzeitig nahtlosem Flow von Werken aus dem Nationalsozialismus im Wirtschaftswunder ist ein Dringlichkeitsappell: Überfällig ist der Check heutiger Bühnenrelevanz aus einem Bestand von über 200 DDR-Operetten und -Musicals, von denen mehr als 20 in der DDR durch Aufführungen und theoretische Auseinandersetzung eine erhöhte Sichtbarkeit hatten.
Offensichtliche Versäumnisse sind längst Realität: Zeitzeugen werden weniger und mit den aus aufgelösten DDR-Verlagsprogrammen in den Vertrieb westdeutscher Verlage wie Bärenreiter und Schott übernommenen Werken wusste man dort kaum etwas anzufangen. Doch das ändert sich langsam: Schott brachte 2025 unter Mitwirkung des Autors dieses Textes einen neuen Katalog seines Operettenprogramms heraus, in dem das Schaffen aus dem geteilten Deutschland in gleichwertiger Eigenständigkeit wie die Klassiker der Wiener, Pariser und Berliner Operette vorgestellt werden.
Und bei Bärenreiter machte 2025 Katrin Stöck in einem Aufsatz auf diese vernachlässigte Werkgruppe aufmerksam. Da waren bereits die Vorbereitungen zur Wiederentdeckung von Guido Masanetz‘ „In Frisco ist der Teufel los“ als Weihnachtsoperette 2025 der Komischen Oper Berlin im Schillertheater in vollem Gange. Kurz zuvor hatte Sibylle Masanetz – Witwe des Komponisten – in einem Interview mit der Plattform „Opern.news“ eingestanden: „Ich hatte viel zu lange geglaubt, dass die Qualität seiner Werke ohne Zutun das nötige Interesse der Theater und Opernhäuser bewahren oder erneut ziehen würde. Das war ein Fehler, denke ich im Nachhinein. Ich hätte aktiv werden sollen.“
Während Sibylle Masanetz nach den heftig umjubelten Vorstellungen von „Frisco“ bisher keine weiteren merkbaren Initiativen unternimmt, sind Witwe Gundula Natschinski und ihr Sohn Lukas für die Promotion des Schaffens von Gerd Natschinski äußerst aktiv und in den „neuen“ Bundesländern auch auffallend erfolgreich. Am Erzgebirgischen Theater Annaberg-Buchholz feierte Gundula Natschinski im März 2026 ihr Bühnencomeback als Lady Bracknell in Natschinskis „Mein Freund Bunbury“, dem berühmtesten DDR-Musical frei nach Oscar Wildes Komödie „Ernst sein ist alles“. Lukas Natschinski debütierte dabei als Orchesterdirigent, während er sonst in Soloprogrammen Werke seines Vaters vorstellt. Erfolge feierten auch „Mein Freund Bunbury“ an den Landesbühnen Sachsen und Natschinskis „Messeschlager Gisela“ am Staatstheater Cottbus. Die Cottbuser „Gisela“- und die „Bunbury“-Neuinszenierung in Annaberg-Buchholz sind die jeweils zweite Produktion der Werke seit 1989 an diesen Theatern.

Gerd Natschinski 1955. Foto: Tschuschke
Dem heiteren DDR-Musiktheater traut man seine Erfolgskraft jedoch außerhalb der neuen Bundesländer nicht zu, auch weil Intendanzen und Vorstände westdeutscher Provenienz diese Werkgruppe viel zu selten bekannt ist. An manchen der früheren Erfolgsorte rennen die Erben Natschinskis offene Türen ein. Je weiter westwärts sich die Theaterstandorte befinden, desto mehr beißen sie jedoch auf Granit. Das gilt auch für Vorstände, die aus den neuen Bundesländern nach Westdeutschland wechseln. Sie kennen zwar DDR-Werke, halten deren Themen aber belanglos für das Westpublikum und ziehen deshalb keine Aufführungen in Erwägung. Dazu kommt, dass die Ostalgie-Welle vor 25 Jahren beim Heiteren Musiktheater durch die einseitige Fortführung alter Aufführungsmuster verschlafen wurde. Peter Lunds Fassung von „Messeschlager Gisela“ an der Neuköllner Oper hätte der Anstoß für eine Neubewertung und theatrale Neuausrichtung des Heiteren DDR-Musicals werden können, fand aber keine Nachfolge. Immerhin inszenierte Steffen Piontek während seiner Intendanz am Volkstheater Rostock und an anderen Theatern mehrere Werke Natschinskis. Eine neue Mauer entstand in den Köpfen, als Inszenierungsmuster mit Orientierung an der Zeit vor 1989 erhalten blieben.
Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Zyklus der Komischen Oper Berlin mit Werken des Heiteren DDR-Musiktheaters begann mit „Messeschlager Gisela“ 2024, „Mein Freund Bunbury“ war für 2025 geplant, entfiel jedoch aufgrund der Finanzsituation. „In Frisco ist der Teufel los“ 2025 und Gerhard Kneifels „Bretter, die die Welt bedeuten“ demnächst Dezember 2026 sind zwar keine Natschinski-Titel, gehörten allerdings zu den in der DDR meistgespielten Stücken der Gattung. „Frisco“ und „Bretter“ gelangten zuvor bereits an der Musikalischen Komödie Leipzig 2015 beziehungsweise 2020 zur Aufführung. Der Großteil der über 200 Werke, die seit Gründung der DDR entstanden, wird jedoch noch immer ignoriert, selbst an den Repertoiretheatern für Operette und Musical. Eine rühmliche Ausnahme machte die Produktion „Prinz von Preußen“ von Harry Sander und Günter Reese am Gerhart-Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau.
An der Staatsoperette Dresden lädt Intendantin Kathrin Kondaurow zwar hin und wieder zu Rahmenprogrammen über das heitere DDR-Musiktheater ein, setzte aber bislang kein komplettes DDR-Werk auf ihren Premierenplan. An der Musikalischen Komödie Leipzig kam seit dem Weggang von Chefdirigent Stefan Klingele kein DDR-Werk mehr zur Aufführung. Und für den Österreicher Josef E. Köpplinger im Staatstheater am Gärtnerplatz München ist und bleibt das DDR-Repertoire ein unbekannter Kontinent. Immerhin gibt es am DNT Weimar eine „Bunbury“-Produktion ab 28. November 2026 und „Messeschlager Gisela“ in Görlitz ab Juni 2027. Äußerst affin zum DDR-Schaffen zeigt sich in Annaberg-Buchholz der aus Österreich stammende Intendant Moritz Gogg, der zwei weitere DDR-Titel für die kommenden Jahre plant. Auch Intendant Jens Neundorff von Enzberg hält am Staatstheater Meiningen für das Jahr 2028 eine Position für ein heiteres DDR-Musiktheaterwerk offen. Spannend könnte der Ansatz werden, Natschinskis 100. Geburtstag 2028 nicht nur für Stücke dieses Komponisten zu nutzen, sondern dessen in den neuen Bundesländern ungebrochene Popularität auch auf Musicals und Operetten anderer DDR-Komponisten zu lenken. Spannende Titel gäbe es zuhauf, etwa „Irene und die Kapitäne“ oder „Karambolage“ von Conny Odd, „Verlieb dich nicht in eine Heilige“ von Siegfried Schäfer oder die in Köln spielende Kapitalismus-Schelte „Die Abenteuer der Mona Lisa“ von Herbert Kawan. Man wird sehen. |