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Auf ein Wort mit...

Florian Lutz und Mario Schomberg über das INTERIM des Staatstheaters Kassel

Im Gespräch mit Rainer Nonnenmann und Christine Stein

Mit dem INTERIM erhielt das sanierungsbedürftige Staatstheater Kassel 2025 ein voll funktionsfähiges Ausweichquartier. Die Spielstätte verfügt über 850 Sitzplätze, Schnürboden, Orchestergraben, Drehbühne, Technik- und Beleuchtungsgalerie, Foyer, Garderobe, Gastronomie, Sanitäranlagen sowie Räume für Umkleiden, Stimmzimmer, Maske, Requisiten. Vor allem lassen sich hier Bühnengeschehen, Szenerie, Orchester und Publikum flexibel in verschiedene Verhältnisse zueinander setzen. Dank Modulbauweise kann das Theater abgebaut und andernorts je nach Bedarf angepasst wieder aufgebaut werden. Maßgeblich an der Planung beteiligt waren Florian Lutz und Mario Schomberg. Lutz arbeitete seit 2003 als freiberuflicher Regisseur an verschiedenen Opernhäusern, bevor er 2016 Intendant der Oper Halle und ab der Spielzeit 2021/22 Intendant am Staatstheater Kassel wurde. 2022 wurden er und Chefdramaturg Kornelius Paede mit dem Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ für die Kasseler Produktion von Alban Bergs „Wozzeck“ ausgezeichnet. Mario Schomberg stammt aus Kassel und lernte den Theaterbetrieb von Grund auf im In- und Ausland kennen. 1990 fing er als Bühnenhandwerker am Staatstheater Kassel an, war dann auch Bühnenmeister und am Staatstheater Stuttgart tätig. Schließlich wurde er in Kassel Technischer Leiter und 2021 Technischer Direktor. Zusammen entwickelten Lutz und Schomberg mit dem Hausszenografen Sebastian Hannak schon im Staatstheater die Raumbühne „Pandaemonium“ aus Logen und variablen Spielflächen und Sichtbeziehungen, wofür das Staatstheater Kassel 2023 mit dem „Opus – Deutscher Bühnenpreis“ ausgezeichnet wurde.

Oper&Tanz: Wie haben Sie die Bedarfe aller am Opernbetrieb Beteiligten für das INTERIM ermittelt?

Florian Lutz und Mario Schomberg. Foto: Staatstheater Kassel

Florian Lutz und Mario Schomberg. Foto: Staatstheater Kassel

Mario Schomberg: Wir haben mit allen Gewerken ein Raumbuch erstellt, zirka einhundertdreißig Seiten stark. Wir haben die Raumflächen ermittelt, die wir im Spielbetrieb brauchen, wenn wir mit allen benötigten bis zu dreihundert Mitarbeitern umziehen. Wir haben festgelegt, welche Gewerke dauerhaft ins INTERIM umziehen, und welche nur zu den Vorstellungen dazukommen. Zugleich haben wir Verbesserungen eingeplant, weil die Raumsituation im alten Haus nicht mehr zeitgemäß war. Jetzt haben wir beispielsweise Tageslicht und Klimaanlagen in fast allen Räumen, auch akustische Anforderungen für die Stimmzimmer konnten erfüllt werden.

O&T: Wie haben Sie die von allen Beteiligten gewünschten Optimallösungen dann mit dem finanziell und pragmatisch Machbaren vermittelt?

Schomberg: Tatsächlich mussten wir im Backstage-Bereich überhaupt keine Abstriche machen, sondern konnten wir die ermittelten Bedarfe eins zu eins umsetzen. Das war mir ganz wichtig, denn wir wollten die Situation ja nicht verschlechtern, sondern verbessern. Das ist uns gelungen. Wir haben mehr Räume bekommen und konnten auch Räume erweitern. Zum Beispiel war der Kinder- und Jugendchor CANTAMUS im alten Haus auf verschiedene Sitzungszimmer verteilt und hat nun eigene Räume bekommen.

Florian Lutz: Als ich 2019 zum Intendanten gewählt wurde, gab es in Kassel noch Pläne für andere Interimslösungen. Zunächst sollte ganz in der Nähe des Staatstheaters ein modularer Bau in der Aue errichtet werden. Dann wurde von Seiten des Ministeriums eine bestehende Halle als potenzieller Standort ins Spiel gebracht, für die wir eine komplette Konzeption entwickelten. Weil sich das dann aber zu lange hinzog, sprang der Investor ab. Daraufhin wurde eine andere Halle gefunden, bei der sich die Realisierung vor allem aus Gründen des Brandschutzes zerschlug. Schließlich bot der neu gewählte Kasseler Oberbürgermeister seitens der Stadt die Fläche auf dem Gelände der ehemaligen Jägerkaserne an. Und dann haben wir die ermittelten Bedarfe an Räumen eins zu eins in das dort komplett neu zu errichtende INTERIM übertragen. Nicht umziehen brauchten Verwaltung, Werkstätten, Chorsaal, Orchesterprobensaal und Schauspielhaus, sondern nur die Räume, die für die Aufführungen auf und hinter der Bühne aktiv gebraucht werden. Wir waren überrascht, dass man dafür einen Backstagebereich mit weit über einhundert Räumen von insgesamt etwa dreitausend Quadratmetern benötigt, inklusive Büros, Garderoben und separaten Stimmzimmern für das Orchester. Wir orientierten uns dabei an arbeitsrechtlichen Standards, weil wir im INTERIM ja fünf oder mehr Jahre arbeiten sollen. Das wurde dann auch so genehmigt und mittels Containern umgesetzt. Das INTERIM ist kein reines Provisorium geworden, sondern ein hoch attraktives Gebäude.

O&T: Wie wurde der Personalrat eingebunden?

Schomberg: Wir hatten regelmäßige Arbeitsgruppen, bei denen der Personalrat immer dabei war, gerade auch wenn es um Arbeitszeiten und räumliche Belange ging. Im Endeffekt hatten wir alle Gewerke, Personalrat und Orchester im Boot, um die Räume zu gestalten, auch beim Umzug ins INTERIM. Versuchen Sie mal, Proben auf einer Baustelle abzuhalten, eine Orchesterprobe im Rohbau! Um die Sicherheit aller Mitarbeitenden zu gewährleisten, haben wir dabei unseren Sicherheitsingenieur und die Hessische Unfallkasse mit einbezogen. Auch der Personalrat war natürlich immer beteiligt.

Eröffnung des INTERIM Oktober 2025. Foto: Sylwester Pawliczek

Eröffnung des INTERIM Oktober 2025. Foto: Sylwester Pawliczek

Lutz: Wir haben damals zwei wichtige Akustikproben mit Chor und Orchester abgesagt, nachdem wir mit dem Personalrat eine Stunde zuvor eine Ortsbegehung gemacht und festgestellt hatten, dass so viel Baustaub in der Luft war, dass wir unmöglich Leute singen und spielen lassen konnten.

O&T: Haben Sie für diesen Übergangszeitraum eine spezielle Dienstvereinbarung getroffen?

Lutz: Ab Frühjahr 2025 gab es einen Jour fixe zum INTERIM – die INTERIMS AG. Nach einer Vorlage der Unfallkasse wurden dann Bedingungen und Regelungen vereinbart, unter denen wir das Proben und Arbeiten auf der noch nicht offiziell als Spielstätte zugelassenen Baustelle sicherstellen konnten.

Schomberg: Es gab auch Namens- und Anwesenheitslisten, wer, wann, wieso in das noch unfertige Gebäude reingeht und dann auch wieder herauskommt, ohne sich zwischenzeitlich verlaufen zu haben oder irgendwo abgestürzt zu sein. Außerdem gab es Absperrungen und Sicherheitsposten, damit niemand sich in gefährlichen Bereichen aufhalten konnte.

O&T: Herr Lutz, Sie wurden nach Kassel berufen, nicht zuletzt weil Sie schon das Opernhaus in Halle auf ungewöhnliche Weisen bespielten, indem sie mit Sebastian Hannak alternativ zur traditionellen Guckkastenbühne variable Raumbühnen mit Laufstegen durch das Parkett entwickelten. In Kassel füllten Sie und Mario Schomberg dann die Hinter- und Seitenbühnen mit einem durch Stege und Treppen verbundenen dreigeschossigen Gerüst, das Bühne und Auditorium miteinander verschränkt.

Lutz: Was in Halle rein künstlerische Gründe hatte, war in Kassel zunächst auch eine Reaktion auf die damalige Corona-Pandemie. Wir wollten mit „Tosca“ und „Wozzeck“ eröffnen, zwei riesig besetzten Werken. Und zwischen den Orchestermusikern sollten erst drei, dann eineinhalb Meter Abstand eingehalten werden. Wir haben dann die gesamte Haupt- und Hinterbühne nur für das Orchester verwendet, wo wir die Musiker mit entsprechendem Abstand verteilen konnten. Die neu installierte Raumbühne nannten wir dann „Pandaemonium“. Das war ein riesiger Aufwand, kam aber beim Publikum, beim Ensemble und der Technik sehr gut an. Alle waren stolz, dass wir trotz Corona große Oper spielen konnten.

Schomberg: Auch das Publikum konnten wir mit der damals vorgeschriebenen Distanz platzieren, weil wir nicht nur den Saal hatten, sondern zusätzlich Zuschauer auf der Bühne in drei Etagen um das Bühnengeschehen herum verteilen konnten.

Lutz: Als dann klar war, dass ein neues INTERIM errichtet werden sollte, haben wir natürlich sofort gesagt, dass das mit guten Arbeitsplätzen und Backstagebereichen und eben auch mit der Möglichkeit für flexible Raumanordnungen gebaut werden soll. Weil wir zuvor diese Idee eines Theaters der Zukunft schon erlebbar gemacht hatten, war dann auch die Stadt Kassel bereit, den dafür nötigen Mehraufwand zu betreiben, nicht finanziell, aber vor allem logistisch und in Sachen Brandschutz. Zudem gab es die pragmatische Überlegung: Wenn man das Gebäude nach seiner Nutzung als Ersatzspielstätte entweder in Kassel weiter nutzen möchte oder aber irgendwohin verkaufen will, weil in einer anderen Stadt eine Interimsspielstätte oder ein Museum oder eine Sportstätte gebraucht wird, dann ist die flexible Nutzung dieses Gebäudes für verschiedene Zwecke ein riesiges Plus.

O&T: Welche Auswirkung hat aktuell die räumliche Trennung von Stammhaus und INTERIM?

Lutz: Zum INTERIM sind die Wege aus den meisten Wohnvierteln Kassels nicht wesentlich länger geworden. Die räumliche Trennung ist nur für diejenigen Abteilungen belastend, die teils im INTERIM und teils weiter im alten Stammhaus arbeiten müssen.

O&T: Eine erste komplette Spielzeit im INTERMIN mit fast zehn Premieren liegt hinter Ihnen. Wie kommen die Mitarbeitenden mit der neuen Situation zurecht? Wie ist das Arbeitsklima dort?

Lutz: Wir haben heute eine andere Situation als vor einem halben Jahr. Wenn man in ein neues Gebäude zieht, ist das für alle Beteiligten nicht nur mit einer Umstellung, sondern auch mit einem riesigen Mehraufwand verbunden, vor allem für Maske, Kostüme, Requisite, weniger für die Darsteller auf der Bühne. Die bühnennahen Abteilungen – Technik, Beleuchtung, Ton und Video – hatten einen immensen Planungs- und Umzugsaufwand, auch mit dem Weiter- und Fertigbauen vor Ort. Das war ein ungeheurer Kraftakt. Im März 2024 hatten wir die funktionale Leistungsbeschreibung fertig, was das Gebäude alles können muss. Dann wurde dazu der Bauantrag gestellt, die Bauleistung ausgeschrieben, der Auftrag vergeben und dann ausgeführt. Schließlich konnte innerhalb von achtzehn Monaten das INTERIM am 31. Oktober 2025 eröffnet werden. Das gibt es in Deutschland kein zweites Mal, dass innerhalb so kurzer Zeit ein so komplexes Theatergebäude vom ersten Planungsschritt bis zur Eröffnung fertiggestellt wurde. DIE ZEIT beschrieb es da auch als „Das Wunder von Kassel“.

O&T: Nach der Schlüsselübergabe waren aber sicher noch Details einzurichten und Betriebsabläufe anzupassen?

Lutz: Es ist ganz normal, dass ein neues Gebäude „Kinderkrankheiten“ hat. Viel mehr Aufwand verursachte, dass die originale Obermaschinerie noch nicht eingebaut war. Die Eröffnungspremiere „Aida“ wurde an provisorischen Kettenzügen gespielt. Für alle Mitwirkenden belastend war, dass es den Backstagebereich wegen der Verzögerung eines Zulieferers überhaupt noch nicht gab. Der konnte erst ab März 2026 genutzt werden. Davor gab es ein halbes Jahr lang nur ein Provisorium mit halb so viel Nutzfläche. Das haben alle verständnisvoll mitgetragen, aber natürlich war das auch belastend.

Giuseppe Verdi, „Aida“ im neuen INTERIM mit Catering für Publikum auf Bühnenplätzen. Foto: Sebastian Hannak

Giuseppe Verdi, „Aida“ im neuen INTERIM mit Catering für Publikum auf Bühnenplätzen. Foto: Sebastian Hannak

Schomberg: Wir saßen auf gepackten Koffern, kamen jede Woche mit allen Gewerken und dem Bauherrn zusammen. All die theaterspezifischen Einbauten, Versatzkästen für Video, Licht, Ton, Kreuzschienen, eine neue LED-Technik, für alle Gewerke ein komplett neues Glasfasernetzwerk und die vielen Nebenräume, das ist alles sehr aufwändig und speziell. Das bekommt man nicht von der Stange. Dann wurde dieses und jenes nicht fertig. Schließlich mussten wir den zweiten Umzug im März 2026 bei laufendem Spielbetrieb durchführen. Der Spielplan war ja fertig und wollte umgesetzt werden. Das war für alle technischen Abteilungen extrem anspruchsvoll. Jetzt aber sind wir glücklich über tolle Arbeitsplätze.

O&T: Eine Besonderheit des Kasseler INTERIM ist auch, dass sich der Orchestergraben im Zentrum des Raums befindet und nur 1,5 Meter tief ist. Welche Überlegungen führten dazu?

Lutz: An allen zuvor angedachten Ausweichspielstätten ließ sich gar kein Orchestergraben realisieren. Aber im Fall der Pläne für die ehemalige Jägerkaserne haben wir gesagt, wir brauchen einen Graben, der zwar kleiner ist als im Stammhaus, aber mit 19 mal 6 Metern doch eine große Grundfläche hat, so dass da fünfzig bis sechzig Musiker gut spielen können. Der uns betreuende Akustiker hat uns zu der geringeren Tiefe geraten, also nur 1,5 statt 2,5 Metern, weil wir dadurch weniger Klang verlieren und ein höhenverstellbarer Orchestergraben den Kostenrahmen gesprengt hätte. Das hat sich auch bestätigt. Jetzt bauen wir verschiedene Musiker im Graben sogar noch höher, damit der Klang brillanter und präsenter wird. Mit Orchestervorstand und Akustiker arbeiten wir aktuell weiter an Verbesserungen.

O&T: Teile des Orchesters beklagten sich, dass manche Bühnendispositionen auf Kosten der Musik und Akustik gingen und Instrumentalisten durch die Sicht auf Szene und großformatige Videoprojektionen irritiert würden.

Lutz: Die Entscheidung, dass es einen Orchestergraben gibt, war bereits ein Ergebnis aus den Erfahrungen mit den vorherigen Raumbühnen im Staatstheater. Zur Eröffnung des INTERIM mit „Aida“ spielte das Orchester dann im Graben. Das Problem war, dass Licht und Video bei den „Aida“-Proben so spät dazu kamen, dass erst bei der nachfolgenden Produktion „Hänsel und Gretel“ deutlich wurde, wie stark einige Orchestermitglieder sich durch die Videos beeinträchtigt fühlten. Wir haben eine riesige Videoprojektionsfläche, zehn Meter hoch und in drei Segmenten um das Publikum herum vierzig Meter breit. Und diese Bildfläche befindet sich aus der Perspektive des Orchestergrabens genau hinter dem Dirigenten, so dass Musiker aus einzelnen Positionen hinter dem Dirigenten ein riesiges bewegtes Bild sehen. Das ist weder uns noch dem Orchestervorstand bei den virtuellen Bauproben im Vorfeld aufgefallen. Wir haben das Orchester dann bei Produktionen mit raumgreifenden Videos aus dem Graben heraus ganz nach hinten verlegt, wo die technischen Abteilungen einen Schallkasten für das Orchester hinter einer optisch undurchlässigen Gaze gebaut haben.

O&T: Bei der Uraufführung der Oper „Zornfried“ von Philipp Krebs rotierte das Publikum auf der Drehbühne vorbei an großformatigen Videoprojektionen, als spaziere es zusammen mit den Darstellern durch einen Wald. Erfahren auch Repertoirewerke im INTERIM szenische Neubeleuchtungen?

Schomberg: Es gibt verschiedene Bestuhlungspläne, aber wir können auch den traditionellen Guckkasten bespielen. Bühne und Publikum können komplett vertauscht werden, hier mit Drehbühne und etwas niedrigerer Deckenhöhe, dort mit einem Bühnenturm fast so hoch wie im Staatstheater.

Neue Züge im Schnürboden des INTERIM. Foto: Sylwester Pawliczek

Neue Züge im Schnürboden des INTERIM. Foto: Sylwester Pawliczek

Lutz: Wie bisher haben wir auch jetzt relativ konventionelle Raumlösungen, etwa bei „Hänsel und Gretel“. Eine klassische frontale Situation gab es auch bei der „Fledermaus“, allerdings im Erlebnisbereich mit Plätzen für Publikum an Sechsertischen, wo den Abend über je nach Preis Snacks mit Prosecco oder Champagner serviert wurden. Das ist eine unterhaltsame und kulinarisch einladende Form von Operette. Meine eigenen Inszenierungen – letzte Spielzeit „Aida“, jetzt „Holländer“ – leben von dem immersiven Moment, dass ein Teil des Publikums im Bühnenbild Platz nehmen kann und sehr direkt in die Bühnenhandlung eingebunden ist. Schwerpunktmäßig versuchen wir, große Choropern anzusetzen, weil in diesem riesigen Raum die Wirkung großer Chorwerke fulminant ist, zuletzt die erste szenische Aufführung von Hanns Eislers Chororatorium „Deutsche Sinfonie“. Man kann hier den Chor sehr kompakt einsetzen oder im Raum verteilen und Ferneffekte erzielen.

O&T: Sind mit den Möglichkeiten der flexiblen Disposition von Bühne, Orchester und Publikum im INTERIM alle Ihre Wünsche an ein Theater erfüllt?

Lutz: Es ist eine traumhafte Situation, dass man an einem Theaterbau mitwirken und diesen inspirieren kann, weil da viele künstlerische Ideen eingegangen sind. Eigentlich fangen wir aber erst jetzt, wo alles installiert ist und sich ein bisschen eingespielt hat, richtig an, mit dem Gebäude wirklich künstlerisch zu arbeiten, mit Klang und Szenerie. Für jemanden, der mit offenen Raumkonstellationen arbeitet, ist es eine absolute Freude, so ein Theater mit auf den Weg bringen zu können.

Schomberg: Ich bin sehr zufrieden, dass wir dieses INTERIM haben, weil es bei der letzten Sanierung hier in Kassel nur ein Zelt gab. Aber natürlich mussten wir bei der Technik auch etwas sparen. Wir hätten uns beispielsweise mehr Versatzkästen gewünscht, aber das ist einfach teuer. Nun arbeiten wir weiter und verbessern das Gebäude von Jahr zu Jahr. Was sich total verändert hat, ist die ganze Logistik, weil wir im Staatstheater schnell mal Dinge auf Seitenbühnen ablegen können, dafür im Interim aber kein Platz ist, so dass immer alles komplett auf- und abgebaut werden muss. Und weil die Zuschauer um die Bühne herumsitzen, werden Aufbauten von allen Seiten gesehen, so dass man sie auch von allen Seiten gestalten muss. Das bedeutet Mehraufwand. Wir müssen darauf achten, dass Werkstätten und Bühnentechnik nicht überlastet werden. Wir spielen ja weiter Repertoiretheater, jeden Tag etwas anderes.

O&T: Lassen sich aus Ihren bisherigen Erfahrungen mit Raumbühnen und INTERIM Ideen für ein Opernhaus der Zukunft ableiten?

Schomberg: Ich finde es hoch interessant, dass die Zuschauer bei den Raumbühnen mitten drin sind. Für moderne Opernhäuser würde ich mir wünschen, dass man Raum, Saal und Bühne miteinander verbindet, denn dadurch bekommt man als Publikum ein ganz anderes Gefühl. Wenn man mitten im Bühnenbild sitzt und Carmen singt ihre Arie, dann kriegt man eine Gänsehaut, weil man das ganz nahe mitbekommt. Was Florian mit den Raumbühnen unternimmt, ist ein wichtiger Schritt, Oper auch in Zukunft attraktiv zu machen. Das Publikum verändert sich und die Generationen wechseln. Ich bin in der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft (DTHG) tätig, und da stoßen auf Fachtagungen unsere technischen Lösungen auf großes Interesse.

O&T: Gelingt es, mit alternativen Präsentationsformen neue Interessenten anzusprechen, ohne das Stammpublikum zu verlieren?

Lutz: Das INTERIM war und ist nach wie vor ein Publikumsmagnet, allein weil eine Stadt eben nicht alle Tage ein neues Theater baut, sondern vielleicht nur einmal in hundert Jahren. Da gibt es ein generationsübergreifendes Interesse, ganz unabhängig davon, was wir spielen. Die Art von Musiktheater, das wir machen, stößt aber nicht bei allen auf Begeisterung. Das hat jedoch mit jung oder alt nicht so viel zu tun, denn in Kassel haben zum Beispiel in den 1980er-Jahren Leute wie Peter Mussbach oder Herbert Wernicke als Hausregisseure gearbeitet, die als innovative Regisseure dann international Karriere gemacht haben. Unser älteres Publikum steht Neuerungen also nicht grundsätzlich skeptisch gegenüber und jüngeres Publikum ist auch nicht grundsätzlich aufgeschlossener. Es gibt seit Corona einfach insgesamt einen Schwund an klassischem Theaterpublikum, auch durch Alterung, und es wächst gerade in den klassischen Musiksparten nicht automatisch jüngeres Publikum nach. Im INTERIM gelingt es uns aber, viel junges Publikum anzusprechen, weil alle den Raum erleben wollen und teils mitten im Bühnenbild ganz nah am Geschehen sind. Das ist eine historische Chance, die wir natürlich nutzen.

O&T: Generalsanierungen von Opernhäusern stehen gegenwärtig in vielen Städten an. Haben sich bei Ihnen schon Interessenten wegen einer möglichen Folgenutzung des INTERMIN gemeldet?

Schomberg: Wir hatten schon sehr viele Besucher und ich habe viele Theaterleiter durch das INTERIM geführt. Das Interesse ist da. Aber wir selbst wissen ja noch nicht, wie lange wir das Gebäude nutzen werden, bis wir dann irgendwann wieder ins Staatstheater zurückziehen. Dessen Sanierung hat momentan aber noch gar nicht so richtig begonnen.

Lutz: Nach dem bisherigen Zeitplan sollen wir im Sommer 2031 wieder ins sanierte Haus zurückziehen. Aber ich komme aus Köln und weiß deswegen, dass Opernsanierungen nicht immer im geplanten Zeitrahmen verlaufen müssen.

O&T: Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch.

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