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Rezensionen
Respektheischende Arbeit
Stephan Möschs Wagner-Buch „Bayreuth als Theater”

Stephan Mösch: Bayreuth als Theater. Auf dem Weg zu einer Festspielgeschichte, Bärenreiter/Metzler 2026, 669 S., 49,99 Euro
Die Literatur über Wagner ist uferlos. Nun hat sich auch Stephan Mösch, Professor an der Hochschule für Musik in Karlsruhe, in seiner jüngsten Publikation in Sachen Richard Wagner „auf den Weg zu einer Festspielgeschichte“ gemacht. Wie der Untertitel des Buchs suggeriert, geht es Mösch nicht um eine lineare, chronologische Darstellung der Festspielgeschichte. Stattdessen versucht er „zu zeigen, wie und warum sich Sinnhorizonte bei den Bayreuther Festspielen verschoben haben.“ Mösch beschreibt, „wie und warum sich der Umgang mit Wagner diesseits und jenseits der Bühne verändert hat – teils radikal, teils moderat und fast unmerklich. … Der Titel erschließt sich vor diesem Hintergrund. ‚Bayreuth als Theater‘ heißt: Theater in Bayreuth als ästhetische und historische Diskursformation. So pompös, wie das klingt, ist es nicht gemeint.“
Mösch stützt sich auf viele Quellen, die er neu aufgespürt hat, vor allem auf die bisher kaum ausgewerteten Dokumente der „Zustiftung Wolfgang Wagner“. Diese reichen bis I986. Dem Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung wurden sie 2016 übergeben. Diese Quellen stellen, so Mösch, so etwas wie die DNA der Bayreuther Festspiele nach dem Zweiten Weltkrieg dar und verweisen ständig darauf, „wie wichtig es war, Geschichte jenseits konsensualer Verläufe zu erkunden“. Das heißt, „die reichlich vorhandenen Quellen in ihrer Widersprüchlichkeit, Uneinheitlichkeit und Kommunikationsstruktur ernst zu nehmen“.
In 25 Kapiteln behandelt Mösch Werke und ihre Fassungen, Werkbegriffe, die Wechsel und die Bedeutung von Dirigenten und Regisseuren, ferner künstlerische Konzepte, musikalische Aspekte wie Tempo und Agogik, künstlerische Verantwortung, Sensationsspekulationen und große Sängerpersönlichkeiten. Auch geht es um Werk-Interpretationen, Propaganda, Publikumserwartungen, Machtkämpfe innerhalb der Familie sowie zwischen Künstlern. Nicht zuletzt geht es um Marketing und ums Geld. Ästhetische Autonomie und politische Bedeutung sind ein zentrales Thema. Die üblichen Maximen von Stilwandel, Epochendenken oder Publikumsstruktur seien verbraucht, so der Autor: „Es gilt loszukommen von altgedienten Dualismen wie ‚Werk und Rezeption‘, oder ,Innovation und Stagnation‘, die sich vielfach in der Literatur eingenistet haben und zeitweise sogar als verbindlich galten.“
Wie immer schreibt Mösch differenziert und mit verändertem Blickwinkel auf Bekanntes und Vertrautes. Sein kluges Buch verändert das Nachdenken über die Festspielgeschichte. Im Schlusskapitel bekennt der Autor, dass sich die Bayreuther Festspiele in den letzten Jahren „vom (familiären) Betrieb zum Staatsbetrieb gewandelt haben“. Die entscheidende Frage sei daher heute: „Wie lassen sich die Wagner-Festspiele verorten, wenn sie weder als neutrales Bildungsgut noch als Tummelplatz vergnügungssüchtiger Kulturflaneure gelten wollen?“
Mösch zitiert dazu den Kunsthistoriker und Medientheoretiker Wolfgang Ullrich, der über die Kunst schreibt, was auch für die Bayreuther Festspiele gilt: „Von der Kunst wird […] erwartet, dass sie Angebote macht, die dazu geeignet sind, jeweils eigene Erfahrungen und Einstellungen bestätigt zu bekommen. Statt sich von Fremdem oder zumindest Befremdlichem herausfordern zu lassen, achtet man [...] vermehrt auf Verbindendes und auf Ähnlichkeiten; man sucht Solidarisierung, Teilhabe und Communities, wünscht sich Bestärkung und Unterstützung. Und das wird dann als wertvolles motivierendes Feedback, als Empowerment erlebt.“ Damit werde, so Mösch, keine Verfallsgeschichte umrissen, obwohl er zugleich konstatiert, dass sich die künstlerischen Formate der Bayreuther Festspiele „im Sinkflug“ befänden.
Mösch legt ein gewichtiges Gelehrten-Buch vor, das viele andere Gelehrte zitiert, das nicht unbedingt leicht zu lesen ist, aber mit umfangreichem wissenschaftlich hieb- und stichfestem Anhang versehen ist, mit Anmerkungen, Quellen- und Literaturverzeichnissen sowie mehreren Registern. Auch wartet der Band mit vielen aussagekräftigen Abbildungen und Dokumenten auf. Eine Respekt heischende Arbeit.
Dieter David Scholz |