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Glänzender „Rienzi“, gescheiterter KI-„Ring“
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Gerechtigkeit eingekauft
Erschreckend aktueller „Besuch der alten Dame“ im Münchner Gärtnerplatztheater

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Das Münchner Atelier Achatz über Anforderungen bei der Sanierung von Theatern

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Provisorien halten ewig?
Über den Theater-Neubau von Rostock

Sanierungen, Interimslösungen, Um- und Neubauten
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Gerechtigkeit eingekauft

Erschreckend aktueller „Besuch der alten Dame“ im Münchner Gärtnerplatztheater

Eine Milliarde an Ort und Einwohner für die Tötung eines Menschen, – das wirkt heutzutage weniger absurd – und daher letztlich erschreckender. Der Theaterort Güllen ist kein Bühnenkonstrukt mehr. Friedrich Dürrenmatts Drama von 1956 und die Vertonung des von Dürrenmatt selbst eingerichteten Librettos durch Gottfried von Einem 1971 wirken so gar nicht „von gestern“. Der Bühnen-Satz, dass sich Finanzkraft schon mal Gerechtigkeit, auch Moral und letztlich eine Weltordnung kaufen kann, ist derzeit realiter zu erleben.

Gottfried von Einem, „Der Besuch der alten Dame“ am Gärtnerplatztheater München mit Jeremy Boulton (Arzt), Sophie Rennert (Claire Zachanassian), Matija Meić (Lehrer). Foto: Markus Tordik

Gottfried von Einem, „Der Besuch der alten Dame“ am Gärtnerplatztheater München mit Jeremy Boulton (Arzt), Sophie Rennert (Claire Zachanassian), Matija Meić (Lehrer). Foto: Markus Tordik

Das Bühnenteam um Regisseur Nikolaus Habjan und Co-Stagerin Ricarda Regina Ludigkeit brauchte also nicht mehr als eine staubgraue Stadtsilhouette im Hintergrund, eine halb verfallene graue „Petersche Scheune“ als einstiges Liebesnest, eine grau abgestorbene Baumkontur für den „Konradsweiler Wald“, einen grauen Wirtshaussaal des „Goldenen Apostels“, eine graue Sakristei und einen zunächst grau-armseligen, dann für die Verschuldungseinkäufe bunt-üppig aufblühenden Krämerladen der Familie Ill. In die anfangs mausgrau gekleidete Ortsgesellschaft knallt mit feuerrotem Haar und grell getigerter Jacke die „alte Dame“ Claire Zachanassian, dazu ein rot kostümierter Butler samt grotesk rot-bunter Entourage… Und mit zunehmender Akzeptanz der „Mord-Gerechtigkeit“ tauchten dann auch die Ortsansässigen mit erst vereinzelten, dann überhandnehmenden roten Kleidungsstücken auf. Schließlich auch mit roten Bäckchen und zum finalen Milliarden-Scheck-Tanz ganz in Rot gekleidet. Von Anfang an steht auf der Bühnenrampe ein schwarzer Sarg. Den decken zwei Zachanassian-Killer nach der Pause schon mal auf und legen am Ende den ermordeten Ill hinein.

In dieser klar erzählten Handlung gab es zwei „Habjan-Signata“: einen schwarzen Panther-Korpus mit zubeißfähigem Maul, den Angelo Konzett gekonnt als zutrauliches Maskottchen an der Seite Claires bewegte; als Hauptnovität beeindruckte den Großteil des Publikums und erntete dann auch einhelligen, ungetrübten Schlussbeifall: die alte Claire. Sie trat als Halbkörper-Puppe auf, mit großem Klapp-Maul und von Manuela Linshalm beeindruckend geführt.

Daneben agierte Mezzosopranistin Sophie Rennert in einem schlichten grau­blauen Kleid als bildschöne, junge Klara Wäscher. Das ergab mehrmals eine reizvolle Diskrepanz zwischen dem „Einst und Jetzt“, zwischen der damals unehelich schwanger gewordenen und verjagten jungen Frau und der dann über Bordell, zahlreiche Ehen und gekonnte Finanzaktionen zu erschreckender „Größe“ aufgestiegenen „alten Dame“. Am deutlichsten wurde dies in der großen Abrechnung Klaras in der Scheune. Sängerin Rennert verlieh dem Schicksal Klaras derartig feurig-fesselnde Vokal-Expression, dass es Szenenapplaus gab. Auch das halbromantisch intime „Liebes-Duett“ am Baum und das Finale gehörten ihr – so dass Sänger-Verehrer ihr eine Personenregie mit auf- und absetzbarer Maske samt Handprothesen wünschen würden.

Beeindruckende Partner Klara-Claires waren Ludwig Mittelhammer als markanter Alfred Ill und Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als ölig-wendiger Bürgermeister. Das große, in vielen Details gut differenzierte Ensemble und das vielfältig geforderte Orchester sowie den als „wetterwendische Masse“ gut agierenden und singenden Chor (Einstudierung Piet­ro Numico) führte Dirigent Michael Balke durch die theatralische Partitur mit Eisenbahn-Hämmern, akustisch wirrem Ausbruch, Pianissimo-Wald-Chor und viel textverständlichem Parlando. Was die Fachkritik einst eher abqualifizierte, zeigte sich jetzt als beeindruckende Bühnenmusik. Und nach dem Blackout stellte sich unweigerlich die Frage ein: „Und wir heute?“ Eine Medea-ähnliche Rächerin ist nicht in Sicht, aber mehr als eine Handvoll Männer, die sich als „Masters of the Universe“ fühlen und mit ihrer Digital-Daten-Finanzkraft derzeit fast alles kaufen …

Wolf-Dieter Peter

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