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Schwerpunkt: Opersanierungen, InterimslÖsungen, Neubauten
Interim wird vielfach andauern
Das Münchner Atelier Achatz über Anforderungen bei der Sanierung von Theatern
Im Gespräch mit Beatrix Leser und Wolf-Dieter Peter
„Parallel zu unserer übrigen Infrastruktur…“, charakterisiert Walter Achatz den sanierungsbedürftigen Zustand von über zwei Dritteln unserer Theaterbauten. Im Unterschied zum ersten Gespräch (O&T 4/2020) treten inzwischen andere Anforderungen in den Vordergrund.

Emanuela Hualla Achatz und Walter Achatz 2026 in Venedig. Foto: privat
Emanuela Hualla und Walter Achatz sind theaterbegeisterte Architekten. Große Arbeiten leisteten sie für die Städtischen Münchner Kammerspiele, das Cuvilliéstheater der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung, das Staatstheater am Gärtnerplatz und zuletzt das Staatstheater Darmstadt. Beide wollen – auch aus eigener „Besucherfreude“ heraus – dieses Alleinstellungsmerkmal Deutschlands erhalten: „Weit über 80 Theaterbauten! So gesehen ein Sehnsuchtsland für nahezu alle Künstler! Doch Realität: einstens hat man bei historischen Andachtsräumen für hunderte von Jahren gebaut. Bei unseren repräsentativen Theaterbauten ging man um 1900 noch von hundert, beim Wiederaufbau nach 1945 eher von fünfzig Jahren ,Lebensdauer´ aus. Inzwischen sind wir bei etwa dreißig bis fünfunddreißig Jahren bis zur nächsten Generalsanierung“. Folglich kommt es vermehrt zu Schließungen und Interims.
Material, Technik, Brandschutz und Klimatisierung müssen stetig wachsende Anforderungen und Vorschriften erfüllen, von der Digitalisierung nochmals beschleunigt. Derzeit sehen die Architekten die bis in die kleineren Städte herabwirkende Finanzkrise als Vergrößerung der Problemlage bei der ohnehin vorhandenen Kostenexplosion für Bauvorhaben, Sanierungen und Interimslösungen. Beide befürchten: „Alle großen Vorhaben werden wahrscheinlich in finanzieller Hinsicht äußerst kritisch hinterfragt werden…“ Sie nennen Düsseldorf-Duisburg, Hamburg, Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg und nicht zuletzt das Nationaltheater in München: „Alle großen Kulturbauten werden bezüglich Nachhaltigkeit und Umsetzung in Diskussion stehen.“ Daher werden „Interim“ und „Überbrückung“ wichtiger.

Cuvilliéstheater München, Kuppel von Innen. Foto: Atelier Achatz
Als Beispiel nennt das Paar das Stadttheater Ingolstadt, wo die Schließung des 1966 errichteten Ensembles unumgänglich wurde. Der gerne Historisches umbauende Walter Achatz führt aus: „Dort haben wir innerhalb der alten Veste den Turm Bauer mit seiner wie eine Kulisse wirkenden Steinwand als Interim untersucht und bewertet. Leider ist das dann an den Kosten gescheitert.“ Aber für die derzeit keineswegs finanziell „reiche“ Stadt hat sich eine hocherfreuliche Lösung ergeben: Das Theater St. Gallen war fertig saniert und konnte seinen Interimsbau von 2023 gleichsam verschenken: der Holzbau mit aller technischen Einrichtung wurde abgebaut und in Ingolstadt für etwa 6 Millionen wiederaufgebaut, und kann als „Haus am Glacis“ mit Saisonbeginn 2026 den Spielbetrieb wiederaufnehmen. Achatz: „Das ist beispielhaft: geringe Kosten, Nachhaltigkeit, Zeitersparnis ohne Ausfälle… auch ein erstes Beispiel für einen europäischen Horizont in solchen Problemlagen… das sollte Schule machen!“

Münchner Kammerspiele, Zuschauerraum. Foto: Andreas Huber
Kurz darauf erinnern beide: „Landshut – seit 2014 in einem Theaterzelt fast am Rande der Stadt und dennoch ein beachtlicher ,Ring des Nibelungen´! – Wir vermuten, dass in Nürnberg die derzeit im Bau befindliche Interimsspielstätte im Kongressgebäude am ehemaligen Parteitagsgelände ab 2028 für längere Zeit genutzt werden wird. Deswegen werden da jetzt schon mal 110 Millionen in die Hand genommen – womöglich auch im Blick darauf, dieses Interim später als zusätzliche Spielstätte weiter zu nutzen.“ Ähnliches zeichnet sich in München bei der „Gasteig-Sanierungsproblematik“ ab: die Interims-Lösung „Isarphilharmonie“ findet so viel Zuspruch, dass ein weiterer Ausbau wohl zur Langzeitnutzung führen wird. Beide kommen nochmals auf die Möglichkeit zurück, überregional zu denken und zu planen: Könnten nicht Städte wie Ingolstadt, Landshut oder Trier verstärkt „miteinander“ planen, um ein Interims-Modell wie das aus St. Gallen durch Weitergabe zu praktizieren?

Theater am Gärtnerplatz München, Orchesterprobensaal. Foto: POGOZach
Beide „Chefs“ des „Atelier Achatz“ erinnern, dass ihre Generalsanierungen bei den Münchner Kammerspielen und beim Staatstheater am Gärtnerplatz auch aufgrund diverser zusätzlicher Wünsche von Theaterseite länger gedauert haben – und daher auch die Interimslösungen länger genutzt werden mussten. Die Nachfrage zur Findung und Entscheidung für diese oder jene Ausweichspielstätte ergab, dass die Theaterarchitekten mal mit einbezogen werden, wo und wie eine Zwischenlösung möglich ist, mal aber auch eine Ortsentscheidung seitens der Gemeinde, des Landes oder des Staates getroffen wurde und dort dann, meist auch nach einem Wettbewerb, von den Architekten die überbrückende Spielstätte auf- und ausgebaut wird.

Staatstheater Darmstadt, Zuschauersaal Kleines Haus. Foto: Jonas Weber
Beim Thema „Wünsche und Aufwand“ kommen beide auf erkennbare Unterschiede zwischen der Bundesrepublik und Europa zu sprechen: Nicht nur in der Schweiz – wo beim Neubau-Beispiel St. Gallen rund 50 Millionen ausreichten –, auch in den Niederlanden und in Spanien wird neu, aber eben „budgetgerecht“ gebaut. Ein Beispiel dafür ist auch Oslo, wo ein architektonisch reizvolles Opernhaus mit dennoch vertretbaren Kosten neu gebaut wurde. Beide Architekten führen als Kontrast das kleine Münchner Off-…, das Metropoltheater an, wo mit nur grundlegender Ausstattung und einem Minimalhaushalt herausragende Aufführungen zustande kommen. Die Frage geht daher an die Bauträger und das künstlerische Personal, ob das spätere Haus „wirklich alles können muss“…?!
Auf die Frage an Emanuela Hualla Achatz, ob bei Projekten und Planungen in ihren zentralen Gestaltungsbereichen bei Farbe, Stoffen, Glas und Ausgestaltung schon besonders gespart wird, schüttelt sie den Kopf: „Lange bevor wir zur ,Innenhaut´, zur Innenraumgestaltung kommen, sind meist die Baukosten so weit angestiegen, dass wir immer kostengünstigere Lösungen finden müssen.“ Gerade deswegen folgt, wenn diese Problematik auftritt, dass auch Interims gut geplant und gut ausgestattet sein müssen: „Wenn da Technik und Werkstätten zu sehr heruntergefahren werden, verlernen die darin Tätigen ihr bislang tagtäglich gefordertes Handwerk… oder wechseln woanders hin und sind dann später weg… und im fertig gestellten Haus treten dann die Probleme auf“.

Großes Haus und Kleines Haus Theater Augsburg 2017. Visualisierung: Atelier Achatz
Walter Achatz sieht in der Praxis bislang immer wieder, dass die Zeitabschnitte für Maßnahmen zum regelmäßigen Erhalt und zur dann auch fälligen Generalsanierung zu lang gewählt sind. Oft werde der zwar sinnvoll eingestellte Bauunterhalt im Künstlerischen Budget genutzt, statt im eigentlich notwendigen jährlichen Bauerhalt: „Über lange Zeiträume wachsen dann zusätzlich die Erwartungen – und die Wünsche sind dann so hoch, dass die dafür unumgänglichen Summen nicht mehr vorhanden oder schlecht vermittelbar sind.“
Emmanuela Hualla Achatz ergänzt, dass lange Zeiträume auch dazu führen, dass die verbaute Technik dann schon wieder veraltet, wenn nicht sogar überholt ist: „Planung und Bau dauern beispielsweise in Würzburg zirka 15 Jahre, in Augsburg wahrscheinlich 20 Jahre…“ Beide beklagen auch einen „deutschen Perfektionismus“ und das Fehlen von politischen Entscheidungsträgern, die – ohne das existierende Regelwerk fundamental zu brechen – den Mut haben, zu fragen: „Können wir das nicht auch anders, einfacher und damit womöglich dann auch finanziell akzeptabler machen?“ Die Entbürokratisierung kommt in diesem Sektor jedenfalls nicht voran. So müsste etwa die Vorschrift fallen, dass pro Besucher und Stunde 45 Kubikmeter Frischluft zu Verfügung stehen müssen – was in bestehenden Häusern nur mit äußerst hohem finanziellem Aufwand zu realisieren ist. Prompt hat dann auch noch jede Sparte des Theaters Wünsche: akustisch, flächenmäßig… bis hin zum Bodenbelag… Und dann sagen beide mit einem Lächeln: „Bei dem Problembereich Toiletten könnte man inzwischen alle als ,Divers´ anlegen – was in anderen Ländern bereits Usus ist…“
Neben derlei eingestreuten, teils amüsanten „Bau-Gschichterln und Anekdoten“ schauen beide über Interim, Generalsanierung und Neubau hinaus: „Wir müssen alles Elitäre um diese Bauten abbauen – also von der Grundschule an den ,Nachwuchs´ eines Publikums heranführen, wenn möglich die Foyers öffnen, dort etwa zum Beispiel Marionettentheater schon für die Kleinen kostenlos anbieten, über Führungen hinaus gezielte Einblicke gewähren – damit Nähe nicht an der Bühnenkante endet!“ |