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Berichte
Glänzender „Rienzi“, gescheiterter KI-„Ring“
Die Premieren bei den Bayreuther Festspielen 2026
Mit enormer Spannung waren die Premieren der Bayreuther Festspiele zum 150-jährigen Jubiläum erwartet worden. Kurz gesagt: Das KI-Experiment ist krachend gescheitert; gerettet wurde die „Ring“-Tetralogie nur durch herausragende musikalische Leistungen. Der „Rienzi“ hingegen wurde zu Recht gefeiert.
Vom Volkstribun zum Diktator
Intelligente Regie und phantastische Darbietungen von Solisten, Chor und Orchester machten bereits die erste Premiere am 26. Juli 2026 zu einem grandiosen Erfolg. Musikalisch ist „Rienzi“ so etwas wie ein Destillat aus Opern von Spontini, Bellini, Auber und Meyerbeer, die Wagner als Vorbilder dienten und die er natürlich überbieten wollte, gespickt mit vielen der Pflänzlein, die sich später zu Motiven und Melodien in „Holländer“, „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ sowie „Ring“ und „Parsifal“ auswachsen sollten. Manches erinnert an Rossini, Donizetti und frühen Verdi, zumal in den mitreißenden „Alla Marcia“-Tempi, sensibel und aufmerksam geleitet von Nathalie Stutzmann. Die Dirigentin zehrt von ihrer eigenen Erfahrung als Sängerin und lässt die Solisten „fliegen“, wie sie sagt. Von inniger Feinheit bis zu machtvoller Größe gibt das Festspielorchester diese Musik differenziert wieder; der Festspielchor unter Thomas Eitler-de Lint lässt die Klangbauwerke des 3. und 4. Aktes in Fülle und Kraft erstrahlen.

Richard Wagner, „Rienzi“ bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath
Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka machen in ihrem Regiekonzept durch die Verwendung von (Un)Social Media mit blinkenden Mobiltelefonen, Massenchats, eines plakativen Englisch und der Darstellung, wie sich die Macht inszeniert, klar, dass es hier um Populismus, Willkür und das Aushebeln demokratischer Prinzipien geht. Da ist keine blonde Perücke oder orangefarbene Selbstbräunungscreme nötig. „Rom mach’ ich groß und frei“, verspricht Rienzi gleich zu Beginn seiner politischen Karriere, und da bietet sich natürlich die Aktualisierung mit Blick auf denjenigen an, der „America great again“ machen wollte und es, ähnlich wie der römische Volkstribun, in eine Autokratie verwandelt hat.
Aber auch Verweise auf den, der die Originalpartitur dieser Oper in den Führerbunker nahm, wo sie wohl mit ihm verbrannte, gibt es reichlich, jedoch unaufdringlich. Der vom Volk gewählte Alleinherrscher wird zum Diktator, der mit der Nation („Roma heißt meine Braut!“) verheiratet ist und kurz vor seinem Ende vom eigenen Volk als „entartet“ wahrgenommen wird. Der Hang des Titelhelden und seiner Schwester/Geliebten zum Suizid scheint in dieser Produktion folgerichtig.
„Utopie Hoffnung – Dystopie Furcht – Paradies verloren“ steht auf einem der zerrissenen Plakate an grauen Wänden, die sich immer wieder niedersenken. In der Tat verstand John Milton sein episches Gedicht „Paradise Lost“ von 1667 ebenfalls als Gesellschaftskritik. Auch das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium (24, 1–33) wirkt dystopisch, da Jesus mahnt, dass kein Stein des Tempels auf dem anderen bleiben werde. „Seht zu, dass euch nicht jemand verführe“, mahnt der Messias, und zwar der echte, keiner, der sich auf Kitschbildern messianisch darstellt und doch nur ein vorbestrafter US-Immobilienmakler ist. An die von diesem beauftragte geschmacklose Darstellung erinnert auch der Himmel, der im Bühnenhintergrund szenenweise zu sehen ist – Rienzi verheißt etwas, das über sein Menschsein hinausgeht und ihm letztlich nicht zusteht.
Ein hinreißend komisches Miteinander von Opernparodie im Schnelldurchlauf und Festspielhaus-Szenerie ersetzt in dieser Produktion die Ballettszene im zweiten Akt. Eine Kindertheateraufführung unter Leitung eines goldenen Mini-Wagners von Ottmar Hörl präsentiert sämtliche kanonischen Wagner-Opern im Schnelldurchlauf – alles zur Belustigung des „Führers“ und seines Gefolges. Das ist zum Tränenlachen lustig und bezaubernd; alles spielt im Proszenium des Festspielhauses sowie davor, weil das Publikum in den Pausen um Bratwürste, Getränke und Toiletten kämpft. Bei aller Düsternis von Stoff und Teilen der Inszenierung entsteht dadurch eine selbstironische Brechung, die das Ganze erfrischt und bereichert.

Richard Wagner, „Rheingold“ bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath
Andreas Schager in der Titelrolle ist ungemein kraftvoll und präsent; der Tenor erfüllt das Libretto mit Glaubwürdigkeit und Leben. Beim berühmten Gebet im 5. Akt wurde ihm mitunter Müdigkeit attestiert, aber das lässt sich auch als Ausdruck von Verzweiflung und Angreifbarkeit wahrnehmen, mit bewusst eingesetzter Brüchigkeit. Gabriela Scherer als Irene wirkt in den ersten drei Akten etwas verhalten, steigert aber ihre Energie später deutlich. Sie und Rienzi verbindet offenbar eine inzestuöse Beziehung (Siegmund-und-Sieglinde-Assoziation!), und der tote kleine Bruder ist hier wohl ihr gemeinsamer Sohn. In der Suizidszene beeindruckt die Sopranistin gesanglich und spielerisch. Ein echter Gegner, politisch und von der inneren Stärke her, ist Andreas Bauer Kanabas als Colonna, mit füllig-markigem Bass. Eine Sopran-Hosenrolle ist Irenes Verehrer Adriano, den Jennifer Holloway gibt. Es ist fraglich, was sich Wagner dabei gedacht hat, denn da wird ein veritabler Mann dargestellt, und der „Rienzi“ ist keine Barock-Oper. In jedem Falle gibt die Sängerin der Rolle etwas geheimnisvoll Androgynes und bringt die starke Emotionalität mit wohlklingender Stimme glaubhaft auf die Bühne. Bariton Michael Nagy verleiht der Gestalt des Orsini eine Mischung aus respektheischender Autorität und unseriöser Wichtigtuerei, Vitalij Kowaljows Kardinal Raimondo besticht durch runden, vollen Bass.
Auch die Nebenrollen sind mit Matthias Stier (Baroncelli), Michael Kupfer-Radecky (Cecco del Vecchio, später auch als Gunther in der „Götterdämmerung“) und Victoria Randem (Friedensbote) hervorragend besetzt; alle zeichnen sich durch einwandfreie sängerische und spielerische Leistungen aus. Das Premieren-Publikum feierte diesen ersten „Rienzi“ auf dem Grünen Hügel mit enthusiastischen Begeisterungsstürmen.
Beliebigkeit statt Sinn und Inhalt
150 Jahre Bayreuther Festspiele, aber massive Finanzprobleme auf dem Grünen Hügel – da hieß es, für die Jubiläums-„Ring“-Tetralogie eine Idee zu finden, die Geld spart, modern und optisch ansprechbar, vor allem aber demjenigen Mammut-Kunstwerk inhaltlich angemessen sein soll, das Gerhart Hauptmann als „das einzige seiner Art in der Welt und vielleicht das rätselhafteste Kunstgebilde der letzten Jahrtausende“ beschrieb.
Die seit Monaten mit Spannung erwartete KI-generierte Inszenierung geriet allerdings, um mit Erda aus „Siegfried“ zu sprechen, „wild und kraus“, ja enervierend und ermüdend. Der Buh-Orkan am Ende der „Götterdämmerung“ war einer mit Ansage. Allein der Anspruch überstieg das Machbare, wobei die Grundidee gar nicht verkehrt ist. Schließlich träumte Wagner selbst davon, mit modernen technischen Möglichkeiten all das darzustellen, was er an damals undurchführbaren Ideen im Kopf hatte und in seinen Regieanweisungen klar niederschrieb.
„KI im Theater interessiert mich überhaupt nur dann, wenn sie nicht bloß Effekt bleibt“, bekennt Marcus Lobbes im Programmheft-Gespräch; der Regisseur ist gemeinsam mit Nils Corte für das Kuratorium und die künstlerisch-technische Konzeption des KI-„Ring“ verantwortlich. Allerdings empfindet der Großteil der Hügel-Pilger den Einsatz dieser Technik als auf der Effektebene verbleibend und so gut wie ohne inhaltliche Bezüge.
Mit einem Bruchteil der Flut aus Fantasyfilm-artigen Stimmungsbildern, verschwimmenden Folien mit Mauern aus Back- oder Bruchstein, hölzernen Stellagen, Farbflächen, Innenräumen, Figuren, Ornamenten und Strukturen aller nur generierbaren Art wäre man sicher besser bedient gewesen. Nicht leitmotivisch, sondern wahllos haben Lobbes und Co. die Inszenierungsgeschichte eingebaut, zudem die Historie der letzten 150 Jahre.
Man erkennt zuerst noch die bald verschwimmenden Bilder der Uraufführung von 1876 und immer wieder Aufnahmen der Inszenierungen von Wieland Wagner (mit seinem Bruder Wolfgang auch abgebildet), Patrice Chéreau, Harry Kupfer, Frank Castorf oder Valentin Schwarz; auch Hermann Nitsch grüßt blutrot herein. Während der vier „Ring“-Tage erscheinen Fotos von Hitler samt Massenaufmärschen, Kennedy, Mondlandung, Wolf Biermann, Rosi Mittermaier (oder ist es Fürstin Gloria?), Helmut Kohl und zahlreichen anderen historischen Personen, stets ohne erkennbaren Bezug zu Libretto oder Partitur.

Richard Wagner, „Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath
Das betrifft auch die anderen Bilder. Ist bei der „Walküre“ an der Textstelle „O süßeste Wonne! O seligstes Weib!“ die Einblendung von Steinbrocken schon völlig sinnfrei, so gerät der fette Schriftzug „NO GAS TODAY“ in der Erweckungsszene im „Siegfried“, die glückverheißend mit einem satten Sonnengold begonnen hatte, zur peinlichen Farce. Die zarteste, leidenschaftliche Innigkeit konterkarierend, prangt dick und prall das „RAF“-Symbol mit zwei Maschinengewehren im Hintergrund. Am Ende beherrscht alles ein Barbie-Kitsch-Rosa, und ein peinliches Comic-Liebespaar verdirbt die berauschende, ernst-innige Stimmung – fehlen nur noch regenbogenfarbene Einhörner. Beliebigkeit statt Sinn und Inhalt ermüden auch hartgesottene Wagnerianer, denn die Reizüberflutung führt zu kognitiver Erschöpfung und einem merklichen Konzentrationsverlust.
Ein weiteres Problem dieser Produktion sind die Kostüme von Pia Maria Mackert, denn alle Mitwirkenden sind in fast identische Wischmopp-artige Klamotten aus weiß-grau-schwarzen Lumpen und Federn gewandet; manche tragen noch Flügelchen. Beim Schlussapplaus bewegen die drei bezaubernden Rheintöchter (Katharina Konradi, Natalia Skrycka, Marie Henriette Reinhold) ihre Arme wellenförmig, damit man sie von den Nornen unterscheiden kann. Ohne jede Bewegungsregie ist dies eine konzertante Aufführung mit fast durchweg statischem Herumstehen und Rampensingen. Der Einsatz von fehlenden Requisiten wird bestenfalls auf Eigeninitiative der Solisten angedeutet.
Musikalisch ist dieser „Ring“ allerdings fast durchweg ein Hochgenuss. Christian Thielemann führt das Festspielorchester mit großer Sensibilität und Achtsamkeit, wodurch er den Solistinnen und Solisten Raum und Entfaltungsmöglichkeiten schenkt. Das Festspielorchester entfaltet eine vielschichtige und leuchtende Fülle; beim Finale der „Götterdämmerung“ ergießt sich musikgewordene Lava aus dem Graben.
Klaus Florian Vogts Loge im „Rheingold“ mangelt es an frecher Durchtriebenheit, und mit seinem bekannt hellen Timbre wird er einfach kein Heldentenor-Siegmund. Als Siegfried überzeugt er aber durch frische Jugendlichkeit, zudem meistert er die Mammutaufgaben mühelos.
Bariton Michael Volle ist als Wotan souverän, machtvoll und respektgebietend, wenngleich mit reichlich Vibrato. Großartig gestaltet er die Entwicklung vom zornentbrannten Wutgott zum innerlich brüchigen, liebenden Vater. Für die Brünnhilde ist Sopranistin Camilla Nylund etwas zu lyrisch, formt aber die sensiblen Aspekte mit Finesse und entflammt die Scheite stimmlich am Ende der „Götterdämmerung“.
Der schon stimmlich Bariton-finstere Alberich von Jochen Schmeckenbecher ist durch gekonnten Umgang mit der Sprache und psychologischen Tiefgang geprägt. Der Trias Fasolt, Hunding und Hagen gibt der Bass Mika Kares jeweils Wucht und Autorität; seine Bösewichte sind ernstzunehmende Gegner. Vor allem durch die virtuose Gestaltung des Librettos überzeugt Tenor Gerhard Siegel als Mime.
Anna Kissjudits Fricka betört durch ihren außerordentlich farbenreichen Mezzosopran, der aber auch beeindruckend zornig klingen kann. Als Erste Norn neben Magdalena Hinterdobler (sie singt auch die Gutrune) und Alexandra Ionis scheint sie aus der Erdentiefe zu singen. Der etwas metallische Klang der Stimme Christa Mayers ist in diesem Jahr deutlich wärmer und voller; ihre Erda klingt mütterlich mit etwas mehr Alt-Tiefe, und als Waltraute bringt sie eine angenehme vokale Variabilität ins Spiel.
Alle größeren und kleineren Nebenrollen, wie Donner (Alexander Grassauer) und Froh (Siyabonga Maqungo), Freia (Evelin Novak), Waldvogel (Victoria Randem) und Fafner (Peter Rose) sind fast durchweg erstklassig besetzt; die klassischen Bayreuth-Buhs erntet nur das Kuratorenteam. Alle anderen genießen begeisterten Beifall.
Andreas Ströbl |